Genuss kennt keine Grenzen

Coolinaria #0 in Görlitz mit Spezialitäten aus Schlesien, Sachsen und Brandenburg

Coolinaria #0

Ein Weinfest in diesen Zeiten? Aber ja doch, wenn man gute Verbündete hat, und in Görlitz ist, dann funktioniert das! Die Coolinaria, geplant als zweitägiges kulinarisches Fest der schlesisch-sächsischen Begegnungen, fiel zwar aus, aber als halbtägiges Weinfest mitten in der gerade ein wenig zum Stillstand gekommenen Corona-Pandemie gab es einen spannenden Preview im kleinen Rahmen und bei allerbestem Sommerwetter.

Wobei wir schon beim ersten Verbündeten wären: Petrus, dem man ja nachsagt, der Herr des Wetters zu sein, ließ die Sonne scheinen wie verrückt. Es war warm, sehr warm. Das ist nicht klassisches Weinfest-Wetter, aber es war hilfreich, weil der Platz vor der Görlitzer Frauenkirche dadurch zwar immer gut gefüllt, aber nie überfüllt war. So wenig social distancing wie möglich, so viel physical distancing wie nötig ließ sich so hervorragend verwirklichen.

Coolinaria FrauenkircheDer direkte Draht zu Petrus (der obendrein eine gehörige Gewitter-Husche am Nachmittag am anderen Ende von Görlitz runtergehen ließ) schien kein Wunder – das Weinfest begann nämlich in der Frauenkirche mit einer Andacht. Eigentlich eine gute Idee, denn einerseits konnte Pfarrer Dr. Matthias Paul ganz ohne Schwierigkeiten sowohl auf naheliegende Verbindungen zwischen christlicher Lehre und Wein in der Bibel als auch noch auf die zahlreichen Wein-Symbole in der Kirche hinweisen. Und als Reinhard Seeliger an der Orgel aus dem vierhundert Jahre alten Paul-Gerhardt-Lied Geh aus, mein Herz, und suche Freud eine lebensbejahende Improvisation machte, musste unsereins konstatieren: Kirche ohne Gesang ist längst nicht so behäbig und obendrein viel ästhetischer als mit, auch wenn der Kirchenliedmacher wahrscheinlich selbst nie an Variationen im Walzerschritt oder eine spielerische Verknüpfung mit dem Lied vom Kuckuck und dem Esel gedacht hat.

Coolinaria EröffnungSo ungewöhnlich heiter wie die Andacht endete begann auch das Fest – eröffnet von gleich zwei Bürgermeistern, dafür aber ganz ohne Rede. Herrlich! Octavian Ursu (Oberbürgermeister von Görlitz, links der Neiße) öffnete eine Flasche Riesling der Winnica Silesian, und Rafał Gronicz (Burmistrz von Zgorzelec, rechts der Neiße) entkorkte einen Kerner vom Weingut Leonhardt aus Bad Liebenwerda. Und dann einigten sich beide ganz schnell, sich auf eine Bratwurst und ein Bier (natürlich Görlitzer Sud Ost!) an einen der Stände zu begeben.

Winnica SilesianWir blieben allerdings bei der Winnica Silesian hängen, denn deren Riesling hatte uns neugierig gemacht. Das aufstrebende Weingut vor den Toren von Wroclaw/Breslau war eins von zweien, die bei der Coolinaria #0 den schlesischen Wein vertraten. Größte Überraschung war der Rote Riesling, der als Orange Wein tatsächlich klar rot im Glas funkelte. Sechseinhalb Wochen auf der Schale und spontan vergoren, aber glasklar nicht nur in der Farbe, sondern auch prägnant im Geschmack. Ui! Dabei hätten wir vielleicht gar nicht überrascht sein müssen – denn einer der Berater des 14 ha großen Weinguts ist Matthias Schuh. Und dass der Sörnewitzer Winzer sich mit Orange-Weinen auskennt, wissen wir ja…

Winnica HannaFast von gleicher Farbe, wenn auch komplett anders im Geschmack, war dann der Rosé, den wir beim anderen Weingut aus Polen bekamen. Hanna ist den Grenzgängern eher bekannt als Restaurant, nur ein paar Meter von Hagenwerder am Berzdorfer See im Dorf Radomierzyce gelegen. Weniger als ein Hektar Wein baut Grzegorz Kuś hier seit 2009 an, 2000 Stöcke Muskaris, Riesling, Solaris, Regent und Pinot Noir. Klein aber fein, unprätentiös-ehrlich – und ein stolzer Winzer: „Mein Wein, den müssen Sie probieren!“ sagte er und bekam nicht nur den Preis für Herzlichkeit, sondern ganz ehrlich auch den für den besten Rosé seit langem. Leider gibt’s so wenig davon, dass er nur zu ganz besonderen Anlässen ausgeschenkt wird.

Weingut LeonhardtKleines Weingut – das trifft auch auf Rico Leonhardt zu. In Bad Liebenwerda macht er seit 2011 brandenburgischen Landwein (Weinbau hat, man glaubt es kaum, in Bad Liebenwerda Tradition). Auch Leonhardt hat nicht so arg viel Fläche, auf weniger als einem Hektar wachsen Bronner, Silvaner, Kerner und Cabernet Cortis. Doch auf weiteren Flächen gibt es Neuanpflanzungen alter Rebsorten: Weißer Traminer, Roter Veltliner,  Gelber Kleinberger und Weißer Räuschling – da darf man gespannt sein, wie die sich machen. Der Winzer, der bei Vincenz Richter in Meißen gelernt hat, gibt sich optimistisch, auch wenn die Trockenheit der vergangenen Jahre es ihm nicht leicht macht.

CoolinariaAus Sachsen waren dann noch zwei gute Bekannte vertreten: Schloss Wackerbarth und Martin Schwarz (der obendrein auch Weine aus Brandenburg vom Wolkenberg dabei hatte). Die kommen jetzt hier beide mal etwas arg kurz weg, weil sie ja Lesern dieses Blogs bekannt sein dürften (die neuen Jahrgänge werden wir dann mal in Dresden verkosten). Auch im Rundumschlag seien die weiteren kulinarischen Vertreter genannt, bei denen man Regionales probieren konnte – wie die Landfleischerei von Andreas Wagner aus Mittelherwigsdorf, die Görlitzer Kaffeerösterei oder die regionale Initiative „Ein Korb voll Glück“ mit verschiedenen landwirtschaftlichen Produzenten. Um die kümmern wir uns dann (hoffentlich) in einem Jahr bei der richtigen Coolinaria

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