Unterwegs an der Mosel, im Oktober zwar – aber golden war der nicht beim Besuch von sechs Moselwinzern, die in den 20 steilen bis sehr steilen Lagen der Thörnicher Ritsch begütert sind. Aber auch im Nieselnebel hinterließ die Lage Eindruck! Tags drauf dann zu Gast bei Christopher Loewen im Weingut Carl Loewen. Das Gespräch startet in der Geschichte (wie so oft an der Mosel: Napoleon ließ den kirchlichen Besitz auflösen) und führt über Christophers Vater Karl Josef und dessen Idee, alte Weinberge mit neuem Leben zu füllen, schnell zu all den Themen rund um Spitzenrieslinge von der Mosel. Es geht um alte Reben (und zwar um wirklich alte, über 100 Jahre – und wurzelecht!) und neue Selektionen, es geht um Weinbergsarbeit und das Warten auf den ersten Blubb im Keller, das bei der hier gepflegten Spontangärung schon mal dauern kann.
1803, Zeit der Säkularisierung unter Napoleon. Das mächtige Kloster St. Maximin, einst größter Weinbergsbesitzer an der Mosel, kommt in Paris unter den Hammer. Zahlreiche herausragende Lagen gelangten bei dieser Versteigerung in private Hände. Nikolaus Loewen erwarb damals eine Parzelle in der Maximiner Klosterlay – der Grundstein für das heutige Weingut war gelegt. Bei der Gründung war der Betrieb ein kleiner bäuerlicher Mischbetrieb, wie er Anfang des 19. Jahrhunderts üblich war: Weinberge, Ackerflächen und Viehhaltung gehörten selbstverständlich zusammen. Was heute ein biodynamischer Idealbetrieb wäre, war damals gelebte Normalität. Mit feinem Gespür erkannte man schon früh, dass natürliche Rhythmen – etwa Mondzyklen – Einfluss auf Wachstum und Entwicklung haben. Den entscheidenden Umbruch zu einem Weingut mit Weltklasse brachte Christophers Vater Karl Josef, der den Betrieb in jungen Jahren mit gerade einmal einem Hektar Rebfläche übernahm – ausgerechnet in den 1980er-Jahren, zur Zeit der großen Weinkrise (ja, auch früher® gab’s schon Krisen…). Während viele Kollegen dem Credo „wachsen oder weichen“ folgten und auf Masse aus jungen, ertragreichen Lagen setzten, entschied Karl Josef Loewen sich bewusst für einen anderen Weg: gute Weine zu erzeugen und gezielt Kunden zu finden, die bereit sind, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen.
Diese Haltung führte zur gezielten Suche nach Spitzenlagen. Mit der Laurentiuslay, einer heutigen Großen Lage direkt gegenüber von Leiwen, wurde man fündig. Eine benachbarte Parzelle mit uralten Reben galt damals als wertlos, als Kandidat für Rodung und Neupflanzung. Gerade das aber reizte Loewens Vater. Er revitalisierte den Weinberg durch Kompostwirtschaft und Begrünung, vergor die Weine getrennt und stellte fest, dass der alte Weinberg zwar geringere Erträge und niedrigere Mostgewichte lieferte – Kriterien, die damals als negativ galten –, dafür aber Weine hervorbrachte, die entdeckt werden wollten. Die Konsequenz lag nahe: mehr alte Weinberge. Der Ruf „der Loewen kauft die Schrotthänge“ machte die Runde…
1998 folgte mit der Thörnicher Ritsch eine weitere prägende Entscheidungen der Betriebsgeschichte. „Für mich ist die Ritsch weit mehr als eine namhafte Steillage: sie ist ein Herzensprojekt, getragen von einer eigenständigen, unverwechselbaren Aromatik, die diesen Weinberg seit jeher auszeichnet. Ob’s auch daran liegt, dass sich die Ritsch mit ihren rutschigen, brüchigen Felsen einer Flurbereinigung entzog? Sie zeigt sich in der Topographie so, wie sie schon immer war – wie ich schon bei einem Treffen mit den Ritsch-Winzern Thomas Ludwig, Karl-Josef Thul, Julian Ludes, Tobias Lorenz, Michael Scholtes und eben Christopher Loewen erfahren konnte. Die Weine dieser Winzer gab’s danach beim Karl-Josef Thul auch noch parallel zu verkosten – ein spannender Querschnitt mit sechs verschiedenen Handschriften.
2008 kam die Übernahme des renommierten Weinguts Carl Schmitt-Wagner in Longuich hinzu, inklusive der legendären Longuicher Lagen Maximiner Herrenberg und Herrenberg, mit denen sich der Betrieb weiter moselaufwärts Richtung Trier ausdehnte. Damit verfügt das Weingut jetzt über 18, ha Weinberge – „das ist hoffentlich das Ende der Fahnenstange!“ sagt Christopher Loewen lachend, der den Betrieb mit seinem Vater allein bewirtschaftet (lediglich plus einem Azubi und Saisonarbeitskräften). Vor allem seine Frau und die beiden Kinder hätten sicher gerne mehr von ihm, schätzt er, aber „ich habe großer Freude daran, Winzer zu sein! Arbeit ist für mich Lebensinhalt und mein Hobby!“
Gute Weine entstehen im Weinberg, keine Frage. Aber ganz unbeachtet sollte die Kellerarbeit ja nicht bleiben. Schon Christophers Vater war ein überzeugter Verfechter der Spontangärung, damals deutlich eine Entscheidung gegen den Mainstream. „Selbst der Professor in Geisenheim sagte mir damals: Einer von zehn Weinen wird Weltklasse, der Rest ist untrinkbar!“, erinnert sich Christopher. Das sieht er natürlich anders: Nicht die Art der Gärung mache einen Wein groß, sondern die Qualität der Trauben. Aus mittelmäßigem Lesegut entstehe niemals ein großer Wein. Entscheidend sei vielmehr, die Weine aufmerksam zu begleiten und Ruhe zu bewahren. „Wir sind jetzt neun Tage nach der Traubenlese und die Hälfte des Kellers hat noch nicht einmal Blubb gemacht!“, sagt Christopher Loewen und lacht – denn er weiß: bei Carl Loewen habe es noch nie einen nicht verkaufsfähigen Wein gegeben. Für jede der gut 50 Parzellen existiert ein eigenes Gärgebinde, um den individuellen Charakter zu bewahren. Erst beim Cuvetieren wird gezielt Einfluss auf die Stilistik genommen; der jeweilige Hefecharakter ist dabei integraler Bestandteil des Terroirgedankens.
Im Glas: Laurentiuslay Alte Reben, genau aus jenem Teil des Weinbergs, in dem die Philosophie des Arbeitens mit alten Reben ihren Ursprung hatte. Die rund 110 Jahre alten, wurzelechten Reben bringen für Christopher Loewen das Idealbild eines Moselrieslings hervor: komplex und vollmundig, zugleich von frischer Eleganz getragen. Die Quadratur des Kreises nennt Christopher die Balance aus Tiefe und Leichtigkeit, geprägt von Trinkfluss und Trinkfreude, aber ebenso von intellektuellem Anspruch. Solche Weine sind das Ergebnis jahrzehntelanger, sorgfältiger Weinbergspflege. Als zweite Generation, die sich voll der Qualität verschrieben hat, profitiert Christopher Loewen von der Vorarbeit seines Vaters, von Weinbergen mit großem Potenzial, die in Balance sind. Sie sind also weder zu starkwüchsig noch zu schwachwüchsig, sie wachsen auf gesunden Böden. Eine Folge des Feingespürs für gute Weinbergspflege! Einen Weinberg optimal einzustellen, so Christopher Loewens Überzeugung, dauert eher 15 als drei Jahre. „Große Weine entstehen nicht im Baukasten des Kellers, sondern durch langfristige Arbeit draußen im Weinberg“, meint er – auch wenn Reben mit über 110 Jahren aus betriebswirtschaftlicher Sicht kaum als effizient gelten. Die Erträge liegen in einer anderen Liga, doch gute Winzer, so Loewen augenzwinkernd, zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie schlecht im Rechnen sind.
Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des Weinguts sind die wurzelechten Reben, die auf rund 15 Prozent der Betriebsfläche stehen, insbesondere im Maximiner Herrenberg, der vollständig wurzelecht bestockt ist – inklusive Nachpflanzungen. Diese Reben reagieren sensibler auf Witterungsunterschiede und tragen so zu höherer Weinqualität bei. Der Maximiner Herrenberg, rund 20 Kilometer flussaufwärts gelegen, ist von Rotschiefer geprägt und spielt eine zentrale Rolle seit der Übernahme des Schmitt-Wagner-Weinguts. Die Anfänge dieser Übernahme liegen kurioserweise in den USA, bei einer gemeinsamen Reise mit Bruno Schmitt-Wagner. Zurück in Longuich folgten intensive Gespräche bei großen Weinen – und schließlich die Entscheidung zur Übergabe.
Ein Höhepunkt der Probierbegleitung beim Gespräch ist der Wein aus der Kernparzelle des alten Schmitt-Wagner-Weinguts, gepflanzt 1896. In ihrer Größe gilt sie als die älteste noch mit Riesling bestockte Parzelle der Welt. Für Christopher Loewen ist sie etwas ganz Besonderes. Seine Bachelorarbeit hat er über diesen Berg geschrieben – und aus der Frage, wie Weine zur Zeit der Pflanzung tatsächlich gemacht wurden, entstand sogar ein neuer Wein. Der wird konsequent historisch interpretiert: mit restaurierter Holzkorbkelter, ohne mechanische Pumpvorgänge, ausgebaut im ältesten Fass aus Moselaner Eiche, gefertigt von einem Piesporter Fassmacher. Die Spontangärung darf ihren Lauf nehmen; bleibt sie stehen, ist der Wein genau so, wie er ist – irgendwo „um den trockenen Geschmack herum“. Seit 2012 gibt es diesen Wein, immer nur ein Fass mit 1.222 Flaschen, und er ist jedes Jahr ausverkauft, noch bevor er offiziell angeboten wird. Herzblut, Wertschätzung und Freude an der Sache prägen dieses Projekt, aus dem der gesamte Betrieb viel gelernt hat.
Gibt’s Beispiele für dieses Lernen? Oh ja, zum Beispiel bei den Neupflanzungen. Über Jahrzehnte lieferten Rebschulen weltweit nur etwa zehn Klone zur Verfügung – eine Form genetischer Verarmung. Früher® selektionierten die Winzer selbst, nahmen die besten Reben aus ihren besten Weinbergen. Das war dann zwar alles Riesling, doch genetisch deutlich vielfältiger, was sich auch aromatisch auswirkte. Moderne Selektionen in den Rebschulen zielten lange auf Ertrag, mit dem Ergebnis großer Mengen und oft beliebiger Qualität. In Zusammenarbeit mit der Universität Geisenheim selektiert das Weingut heute gezielt Material aus alten Reben: kleinbeerige Trauben, geringer Ertrag, goldgelbe Beeren. Daraus entstanden neue Weinberge und die Gutsweine Quant und Varidor. Alles, was in den vergangenen 15 Jahren gepflanzt wurde, stammt aus der eigenen Selektion alter Reben.
Auch im Presshaus zeigt sich der Rückgriff auf traditionelle Methoden. Christopher Loewen erläutert die Vorzüge der Korbkelter und den Transfer in die Moderne: Neue computergesteuerte Keltern werden werden bei ihm kaum noch gedreht; stattdessen wird mit hohem Druck langsam gepresst. Und natürlich kommen die Trauben auch in klassischen Bütten vom Berg in die Kelterhalle. „Viele kleine Stellschrauben greifen da ineinander!“, sagt er. Dieses Back to the roots führt zu Weinen mit größerem Reifepotenzial – auch wenn sie Zeit brauchen. Der Jahrgang 2024 des 1896er-Weins trinkt sich bereits gut, wird aber weiter gewinnen. Christopher Loewen bekennt sich ausdrücklich zur Trinkfreude: Primärfrucht sei für ihn kein Kitsch. Große Weine sollen reifen können, aber auch schon vorher Spaß machen.
Die Kapitel des Gesprächs
- [00:00] zu Gast bei Christopher Loewen/Weingut Carl Loewen
- [09:03] wie groß ist das Weingut? (genaue Antwort erst zum Schluss 😉 )
- [26:49] im Glas: Laurentiuslay Alte Reben – genau aus dem Teil, wo die Philosophie vom Wein aus alten Reben entstand
- [41:14] der nächste Wein im Glas: 1896 vom Maximin Herrenberg
- [51:57] die Geheimnisse des guten Weins? Lage – Reben – und die Art des Weinmachens?!
Weingut Carl Loewen
Inh. Christopher Loewen
Matthiasstr. 30
54340 Leiwen/Mosel
Tel. +49 6507 3094
weingut-loewen.de
Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden unterstützt mit einer Pressereise auf Einladung des Moselwein. e.V.

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