Prager Palaver

Elbe mit weniger Eis

Der Bus kommt pünktlich. Wäre aber nicht nötig gewesen, denn der Zug hat Verspätung: 110 Minuten. Immerhin fährt er somit zehn Minuten eher ab als der fahrplanmäßig nächste.

Zwei Stunden geschenkte Zeit (wir waren wegen pünktlichem Nahverkehr recht zeitig am Bahnhof)! Wir gehen zuerst in die Bahnhofsbuchhandlung. Gibt’s neue Reiseliteratur über Prag? Im Regal nicht, aber „Adlerauge“ Sylke entdeckt eine ganze Kiste der handlichen Marco-Polo-Bände. Unsere Ausgabe ist zehn Jahre alt, gönnen wir uns eine neuere Ausgabe! „Tut mir leid“, säuselt die Verkäuferin, „die kann ich Ihnen nicht verkaufen!“ Eine Fehllieferung. „Wissen Sie: Wir haben die bestellt, aber diese hier, das sind nicht die für uns!“ Aha. Da kommen die Bücher, die man bestellt hat, aber es sind nicht die, die man bestellt hat, sondern andere. Es erinnerte mich an mein Studium, zu dessen Höhepunkt zweifelsohne die Vorlesung gehörte, in der der Herr Professor uns erklärte, dass nicht Shakespeare all diese tollen Stücke geschrieben habe, sondern ein anderer Mann, der aber auch Shakespeare hieß. Seitdem bin ich wahrscheinlich für die Wissenschaft versaut, wenn da nur sowas rauskommt.

Beginnen wir also unsere Prag-STIPvisite mit einem Elb-Bummel in Dresden. Der Fluss hatte das in den Vortagen beobachtete Dampfen weitgehend eingestellt, ließ sich aber mit oft perfekt runden Eisschollen gemächlich treiben. Wie jeden Tag trieb sich ein Kamerateam des Sachsenspiegel am Elbufer herum, um den aktuellen Flussverlauf zu filmen. Drei Leute gaben einen Einblick, wie gebührenfinanziertes Fernsehen funktioniert: Einer filmte und zwei sah’n ihm beim Filmen zu.

Der Zug fuhr pünktlich mit der angesagten 110minütigen Verspätung ab. Sonne! Schnee! Fensterplätze! Wobei dies die Stelle ist, ein paar Worte zum Reservierungssystem der Bahn zu sagen. Die Fahrt Dresden-Prag ließ sich online jeweils nur für eine Person bestellen. Ich also zweimal hintereinander bestellt und die Bestätigungs-Emails genutzt, per Antwort an den Kundenservice darum zu bitten, dass die Plätze bitte zusammenhängend reserviert würden. Keine Antwort. Tage später kam ein Brief mit einem Ticket und den dazu gehörenden Reservierungen, weitere Tage später der zweite – mit anderem Sachbearbeiter und natürlich nicht zusammenhängend reserviert. War aber nicht schlimm, denn in beiden Abteilungen waren zwar alle Plätze für irgendwen seit Berlin oder Dresden reserviert – aber alle waren frei.

BasteiWir also am Fenster mit Blick auf die Elbe und den gegenüberliegenden Hang: Wunderbar! Und auch mal Gelegenheit für ein Lob: Das menschliche Auge arbeitet mit dem Hirn excellent zusammen und lässt die Bäume, die den Bahnweg säumen, quasi verschwimmen. Du kannst da durch gucken als ob sie nicht da wären (die Bäume). Danke, Schöpfer! Und nun die Kamera: Die hält (je nach Lichtverhältnissen) eine Zweihundertstel Sekunde des wirklichen Lebens fest und somit auch gnadenlos vordergründig störende Bäume. Mister Canon, ich brauch‘ keine face recognition, ich brauche treeegnorance® (aus tree und ignorance gebildetes Kunstwort mit modischem Triple-E).

Sylke und ich kämpften also in anmutiger Weise mit den Gesetzen der Optik unter besonderer Berücksichtigung verschmutzer Fenster und tief hängenden Oberleitungen. Wir waren froh, allein im Abteil zu sein, denn die dabei an den Tag gelegte Akrobatik hätte zufällig anwesendes Publikum nicht verkraftet – schon gar nicht auf nüchternen Magen, denn das Restaurant im EC 171 Berlin-Budapest war „aus betriebstechnischen Gründen“ (O-Ton Durchsage) leider geschlossen. Und als dann später ab Decin Leute hinzustiegen, waren wir wieder zahm. Nebelschleier hatten sich über die Elbe und die Landschaft gelegt, Fotopause.

Unser erster Abteilbesucher war ein kurzhaariger blasser Jüngling mit akkurat geputzen Springerstiefeln und einer prall gefüllten Lidl-Einkaufstüte. Er guckte er stumpfsinnig vor sich hin – doch als ich ihm beim Ausstieg in Usti ein freundschaftliches „Ahoj!“ zurief, lachte er breit und freundllich. Das war seine gute Tat des Tages.

Der Neuzustieg (zwei Jungs, ein Mann, ein iPhone) folterte uns dann ein wenig. Ich meine, dass die Jungs tschechisch reden, geht in Ordnung, auch wenn der morbus bohemicus, wie ein mir bekannter Arzt die sehr vom tschechischen Leibgericht Knödel geprägte Aussprache einmal nannte, immer wieder gewöhnungsbedürftig ist. Das war’s also nicht. Was denn dann? Die drei nutzten die eine Stunde bis Prag nahezu pausenlos, um zu essen. Und wir hatten, weil die Ankunft ja für elf Uhr geplant war, nichts dabei!

Der Zug aus Dresden meidet den Prager Hauptbahnhof auf der Weiterfahrt nach Budapest, Ausstieg ist in Holešovice. Man hätte den Tschechen beim Eintritt in die EU zur Auflage machen müssen, diese Station zu schließen. Sie ist grausam und liegt auf der nach unten offenen Charme-Skala irgendwo zwischen Viehverlade und Stahlumschlagplatz. Wechselstuben gibt es dort auch (die Tschechen gehören noch nicht zur Euro-Region), und der ankommende Tourist erlebt erstmals die Kreativität der Geldwechsler in der Sportart Übersohrhauen. Wer genug Geld hat und beim Wechseln gerne mal beschissen werden möchte, sollte hier oder in der Innenstadt auf den Touri-Meilen häufiger mal Geld wechseln. Alle anderen nehmen den Geldautomaten, die Bank oder wenigstens das seriöse Hotel.

Mit der Straßenbahn oder der U-Bahn, die mit drei Linien sehr übersichtlich ist, kommt man dann schnell und preiswert ans Ziel. Taxifahrer, auch wenn sich da in jüngster Vergangenheit einiges gebessert zu haben scheint, sind in Prag eine Spezies für sich – im Betuppen stehen sie im ewigen Wettstreit mit den Geldwechslern und scheinen oft zu gewinnen.

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