55 Paraphrasen

Anton Paul Kammerer stellt 55 neue Werke im Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf aus

Anton Paul Kammerer

Meine Damen und Herren, guten Tag!

Ich möchte diese kurze Vorstellung von Anton Paul Kammerer mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut beginnen. Vonnegut hat eine Beziehung zu Dresden – als Gefangener in diesem abscheulichen Krieg überlebte er im Schlachthof 1945 den Bombenangriff seiner alliierten Kollegen auf die Stadt und verarbeitete das 1969 in seinem Roman Slaughterhouse 5, in der deutschen Übersetzung als Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug erschienen.

Kurt Vonnegut war aber mehr noch als ein nachdenklicher Schreiber ein feinsinniger Satiriker (was ihn mit Anton Paul Kammerer verbindet). Das Zitat, das Sie jetzt hören werden, kommt aus dieser Richtung. Vonnegut paraphrasiert drei Leute – und das funktioniert nur unübersetzt, also auf englisch.

Die erste Paraphrase stammt von Sokrates (469 – 399 v.Chr.):
To be is to do!

Das zweite Motto wird Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) zugeschrieben:
To do is to be!

Und das dritte müsste ich eigentlich singen, damit Sie es sofort erkennen:
Do be do be do…

Richtig, Frank Sinatra, 1966.

Keine Angst, das wird jetzt keine philosophische Grundsatzabhandlung vom Verfall des Denkens, obwohl die Reihung „To be is to do“ – „To do is to be“ – „Do be do be do“ schon die Brisanz für mindestens eine kleine Bachelorarbeit in sich birgt. Nein, das ist die direkte Hinführung auf eine der 55 Collagen, die Sie hier von heute an bewundern können: “Strangers in the Night” heißt es, gewidmet Frank Sinatra (wem sonst?).

DU BI DU BI DUSie sehen dort, eingedeutscht und für einen Amerikaner daher nur schwer singbar, große weiße Lettern, so wie auf diesen Kisten von Frachtschiffen früher:
DU
BI
DU
BI
DU

steht da, und dann sieht man noch die Portraits zweier Menschen. Den einen erkennen wir, Bildungsbürgerinnen und -bürger, die wir sind, sofort: Das ist doch der Shakespeare! Genau. Die Dame daneben, die sich in koketter Unschuld anbändelnd abwendet, habe ich nicht erkannt. Auf Nachfrage verriet mir Anton Paul Kammerer: “Das ist die Frau Bergmann, die keiner kennt!”

Ach ja, vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass am rechten Bildrand “Jokes” steht.

Einen Scherz will er sich also machen – aber nicht mit uns oder gar auf unsere Kosten. Denn Anton Paul Kammerer ist jemand, der selbst immer mit dem Schalk im Nacken herumläuft. Manchmal sieht man ihn (den Schalk) sofort, manchmal muss man danach suchen. Vergnüglich ist beides.

55 neue Werke sehen Sie hier, zusammengefasst unter dem Titel “Paraphrase”. Keine dieser Collagen haben Sie vorher schon einmal gesehen: Sie sind alle in den vergangenen neun Monaten entstanden. Warum gerade 55? Ganz einfach: Das ist die Anzahl der Rahmen, die zur Verfügung standen! Ich glaube, ich trete keinem zu nahe, wenn ich sage: So verrückt ist doch keiner, sich so etwas anzutun! Alle fünf Tage ein neues Bild, und dann auch noch unter einem Generalthema!

Doch, so verrückt ist er. Wobei ich vielleicht sagen sollte, dass “verrückt” im Zusammenhang mit Kreativen wie Anton Paul Kammerer das allergrößte Lob bedeutet. Denn nur solche im positiven Sinn Verrückte haben die Welt geändert oder voran gebracht. Den Wissenschaftlern geht es da übrigens ganz ähnlich, zumindest den guten: Sie müssen quer denken, sie müssen visionär sein, sie müssen aber – und damit bin ich schon wieder beim Künstler – auch über eine der ganz alten Tugenden verfügen: Sie müssen fleißig sein. Wozu im konkreten Fall auch gehört, Passepartouts händisch zuzuschneiden und die Bilder zu rahmen. 55 Stück!

In den Rahmen finden Sie 55 Versuche, die Welt zu beschreiben, Bekanntes mit anderen Worten oder eben Bildern zu beschreiben. Da setzt der Kammerer Hirnströme frei bei den Betrachtern! Er hilft, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, Bekanntes aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei nutzt er lieber seinen hintergründigen Humor als den erhobenen Zeigefinger, was in Zeiten derber bis hirnloser Comedians höchst erfreulich ist: Es gibt sie noch, die feinsinnigen Denker!

Reisefreiheit für das NähenFinden Sie beim anschließenden Rundgang das Bild mit dem Titel “Das Leben” und denken Sie bitte darüber nach, warum es gerade mit einem Dollar (einem echten, aus Zeiten wo der Begriff noch Klang hatte) und einer Dame komponiert ist. Oder betrachten Sie das Nadelmappenheft auf dem Blatt “Reisefreiheit für das Nähen” – eine sehr subtile Auseinandersetzung, wie man sich zu Zeiten des irreal existierenden Sozialismus für 25 Pfennig (Ost) ein Köfferchen mit Bildchen von so netten Destinationen wie London, Paris oder New York käuflich erwerben konnte. Oberflächliche Verheißungen, die sowieso nicht eingelöst werden konnten! Aber immerhin gibt es Nadeln im Nadelmappenheft, mit denen man ja bekanntlich Luftballons oder Seifenblasen schnell zum Platzen bringen kann.

Auch so ein Joke, und zwar laut Signatur die Nummer eins…

Es ist an der Zeit, sich von den Jokes zu trennen und dem Ernst der Rede zu widmen, indem ich Ihnen ein wenig über den Menschen Anton Paul Kammerer erzähle.

Anton Paul Kammerer, der 1954 im Sternzeichen des Krebses in Weißenfels geboren wurde, hat in Merseburg und Halle das Plakatmalen gelernt. Das ist ein sehr praktischer Beruf, aber den wirklich Kreativen lastet er nicht aus.1975 kam Kammerer also nach Dresden, um dort etwas mehr für die rechte Hirnhälfte zu tun und an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren. Malerei und Graphik waren seine Fächer, Jutta Damme eine seiner Lehrerinnen.

1980 bestand Kammerer sein Diplom, und seitdem ist er Künstler. Allerdings einer, der beide Hirnhälften einsetzt und nicht nur seiner Kreativität mit immer neuen Ideen freien Lauf lässt, sondern eben auch einer, der sich Gedanken macht, der die Welt zu verstehen trachtet und immer wieder an Grenzen stößt – aber wer tut das angesichts einer Welt wie dieser, in der Banker plus von minus nicht mehr unterscheiden können, nicht immer wieder? Doch wenn unsereiner verzagt-entnervt nur noch die Schultern zuckt, setzt Kammerer sich hin und zeichnet, malt, collagiert.

Anton Paul Kammerer ist durch und durch Künstler, und das bedeutet: anders als andere ist er nur das und lebt allein vom Verkauf seiner Bilder – eine Rarität, denn das schaffen höchstens zehn Prozent derer, die das gerne wollen und auch mit einem Studium bekräftigen. Der Rest fährt Taxi oder kellnert oder schlägt sich sonstwie durch.

Speziell am Anfang der Karriere ist das – in Anlehnung an das Sternzeichen des Künstlers – manchmal ein arges „Herum-Krebsen“. Seine ersten Jahre auf der freien Wildbahn der Kunst hat Kammerer einmal so kommentiert: „Glücksmomente und Durststrecken stehen im Verhältnis 1 zu 7.“ Aber in der ihm eigenen feinen Ironie ergänzt er: „Wie bei allen anderen Wesen, und so bin ich nie auf die Idee gekommen, etwas Besonderes zu sein, obwohl ich es ja eigentlich bin!“

Hätten wir alle, die wir hier heute mit der Preisliste in der Hand stehen, damals beherzt zugegriffen, wäre wahrscheinlich allen geholfen gewesen: Wir hätten einen echten Kammerer nachgeradezu zum Schnäppchenpreis erwerben können, und er hätte einige Glücksmomente mehr gehabt. Das ist zu spät, alles hat seinen Preis und APK sich seinen Marktwert erarbeitet. Man sollte vielleicht jetzt zugreifen, bevor in fünf Jahren nochmal alles – aber lassen wir das, das ist ja keine Werbeveranstaltung!

Seit dem Jahr 2000 hat Anton Paul Kammerer sein Atelier in Burgstädtel, oberhalb von Dresden. Da gibt es mit Sicherheit mehr Licht und frische Luft als in der Neustadt, wo er vorher wohnte. Und es ist viel Landschaft drumherum, die sich immer wieder in seinen Werken widerspiegelt. “Spaziergang 1-4” zeigt die klitzekleinen Spaziergänger in der großen Welt, und mit dem großen Wilhelm Bendow ist man geneigt zu fragen: Ja wo laufen sie denn?

Es gibt ein schönes Landschaftsbild mit einer Mücke (die natürlich gerade sticht).

Auf der Einladung fanden Sie die Collage “Morgen oder Abend”, die hier natürlich auch hängt. Da können Sie lange hinsehen und müssen dann doch interpretieren: Kunst setzt Gedanken frei, und Gedankenfreiheit ist nicht erst seit Schillers Don Karlos ein hohes Gut! Übrigens: Es muss der Morgen sein, denn der Mond ist noch im Finstern und die Sonne taucht auf. Wenn Sie mich fragen…

Sie finden “Spuren im Schnee”, erkennen die Katze und ich wette, Ihnen fällt der Kinderreim ein: ABC, die Katze läuft im Schnee!

Und wo wir gerade bei Schnee sind: Ausgerechnet bei dieser Chance, wo man doch alles so schön Ton in Ton hätte weiß halten könnte, bekennt Kammerer Farbe. So macht der Winter Spaß!

Wenn Kammerer die Farbigkeit nutzt, dann auch richtig, so wie bei “Weltall, Erde, Mensch” oder der farblich abgestimmten Vierergruppe Länge – Breite – Höhe – Tiefe. Moment mal: Sind das nun vier Dimensionen? Die Antwort überlass ich Ihnen, ebenso wie bei der Gleichung a3 + b3 = c3, die den bekannten Satz des Pythagoras einfach mal ins Kubische erhebt. Geht das?

Die Antwort mögen Sie beim Betrachten des Bildes, in Gesprächen oder, wenn Sie das alles nicht weiter gebracht hat, bei einer Literaturrecherche nach Pierre de Fermat finden! Und damit: Vielen Dank und viel Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit den 55 Paraphrasen!

[BB sagt:
Fermats letzter Satz, so lautet übrigens ein phänomenal fesselndes Buch. Denn der Beweis zu der Behauptung, die Fermat dereinst munter hinplatzierte, wurde erst dreihundert Jahre später, nämlich 1994 und zwar mit viehisch supermodernen Methoden erbracht. Keine Ahnung, woran Fermat damals selbst gedacht hat. Eines der spannendsten mathematischen Themen.
a^3 + b^3 = c^3, klar geht das.
Nur eine Dreiergruppe, bei der alle drei GANZE Zahlen sind, gibt’s nur für Pythagoräischen Klassiker (also ^2). Bei ^3, ^4, hoch sonstwas ist immer mindestens eine Kommazahl dabei. Tolles Thema, ich bin schon wieder richtig hingerissen, wenn ich nur daran denke.]

Ausstellungseröffnung Anton Paul Kammerer „Paraphrasen – neue Collagen“
03.11.2011 im Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR)

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