Manche Formate rund um Wein und Genuss altern einfach nicht. „Winzer im Fokus„, vor mehr als zehn Jahren auf dem Weißen Hirsch im damaligen Sternerestaurant bean & beluga von Stefan Hermann und seinem Sommelier Jens Pietzonka eingeführt, ist nach langer Pause wieder zurück – forever young. Gesine Roll, die 2013 mit den Winzerinnen „Anette Closheim (Riesling Entdeckung des Jahres 2013) von der Nahe, Theresa Breuer (4 Trauben Gault Millau 2013) aus dem Rheingau und Melanie Stumpf (2 Sterne Weinwelt 2012) aus Franken“ das rheinhessische vierte Blatt im Quartett war (seinerzeit vorgestellt als „bester Sauvignon Blanc Rheinhessens ,Falstaff Magazin 2012“ sorgte für eine volle Hütte auf dem Konzertplatz. Vor dem Abend trafen wir uns zum Podcasten…
Gesine Roll ist seit 2008 die prägende Kraft hinter dem Weingut Weedenborn in Monzernheim und hat sich schon früh dem Sauvignon Blanc verschrieben – zu einem Zeitpunkt, als die Rebsorte in Deutschland noch als Novum galt. Erst Ende der 1990er Jahre wurde Sauvignon Blanc hierzulande überhaupt zugelassen, doch Vater Roll erkannte das Potenzial früh: bereits vor der offiziellen Zulassung hat er Reben im Versuchsanbau gepflanzt, deren älteste heute, etwa in der Parzelle „Terra Rossa“, daher schon ein beachtliches Alter erreicht haben.
Die Weinberge liegen auf kalkreichen Böden in Höhenlagen zwischen 232 und 265 Metern. Diese Kombination erweist sich als ideal: Kalk sorgt für Spannung und Struktur, die Höhe für eine verlängerte Vegetationsperiode. Während in wärmeren Regionen die Zuckerreife oft der physiologischen Reife davonläuft, gelingt es hier, beides in Einklang zu bringen. Das Resultat sind Weine mit moderatem Alkohol, aber ausgeprägter aromatischer Reife – ein Balanceakt, den Roll als eigentliche Königsdisziplin versteht.
Stilistisch grenzt Gesine Roll sich deutlich von den oft grün-aromatischen Interpretationen der Sorte ab. Ihr Sauvignon Blanc ist gelber gedacht, reifer in der Frucht, ohne ins Üppige oder Kitschige zu kippen. Entscheidend ist dabei der Lesezeitpunkt, ein enges Fenster, das präzise getroffen werden muss. Roll beschreibt es anschaulich: wie bei einer Banane, weder unreif noch überständig. Der Zustand der Traube im Moment der Lese definiert den späteren Wein – Technik kann das nur bedingt korrigieren.

Und zum Thema „Wein entsteht im Weinberg, im Keller machen wir nichts“ – das möchte wirklich keine*r trinken. Natürlich steckt viel Liebe zum Detail auch in der Kellerarbeit, denn welches Fass (Holz? Stahl) und viele weitere Fragen müssen sehr wohl überlegt werden. Der Gutswein, das Fundament der Weedenborn-Kollektion, entsteht aus mehr als zwanzig Einzelpartien. Unterschiedliche Lagen, Mikroklimata und Klone werden separat gelesen und ausgebaut, um anschließend in einer komplexen Cuvée zusammengeführt zu werden. Die Vielzahl an Gebinden – von 2.000 bis 6.000 Liter – erlaubt eine differenzierte Entwicklung der Weine. Je mehr differenziertes Material zur Verfügung steht, desto präziser lässt sich der gewünschte Stil komponieren.
Auch bei den höherwertigen Weinen bleibt dieser Ansatz erkennbar. Der Ortswein „Terra Rossa“ ist geprägt von eisenoxidreichen Kalkböden, zeigt eine mineralische, auf Langlebigkeit angelegte Stilistik. Teilweise im großen Holz ausgebaut und mit verlängerter Reifezeit versehen, entwickelt er eine ruhige, gestaffelte Kraft. Die Reserve-Weine aus dem Westhofener Morstein gehen noch einen Schritt weiter: längerer Holzeinsatz, mehr Zeit, mehr Tiefe. Sie sind als „Langstreckenläufer“ konzipiert, Weine, die ihre Qualität erst über Jahre hinweg vollständig entfalten.
Die entscheidenden Cuvetierungen trifft Gesine Roll allein. Alle Partien werden verkostet, bewertet und in mehreren Schritten zusammengeführt. Intuition und Geschmack spielen eine große Rolle, werden jedoch durch analytische Daten ergänzt, sobald es um Feinjustierung geht. Eingriffe versteht sie als notwendiges, aber möglichst minimales Mittel – so viel wie nötig, so wenig wie möglich.
Der Betrieb selbst ist über die Jahre organisch gewachsen, von 15 ha (das steht im 2013er Artikel) auf heute rund 25 Hektar. Trotz dieser Expansion bleibt der Anspruch handwerklich geprägt. Elf feste Mitarbeiter tragen das Weingut, dessen Ausrichtung heute mit über 50 Prozent Anteil an der Rebfläche klar auf Sauvignon Blanc liegt. Der klimatische Wandel spielt dieser Entwicklung in die Hände. Bedingungen, die früher als zu kühl galten, ermöglichen heute stabile Reife. Gleichzeitig erfordert die zunehmende Witterungsdynamik – von Starkregen bis Hitzeperioden – ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit. Roll begegnet dem mit präziser Weinbergsarbeit und einer konsequenten Hinwendung zum biologischen Anbau, der im Betrieb bereits seit Jahren praktiziert wird.
Neben Sauvignon Blanc ergänzen Chardonnay und in kleinerem Umfang Riesling (aus der Lage Westhofener Kirchspiel) das Portfolio. Dass diese Weine ihren Weg zum Endverbraucher gerne über die Gastronomie finden, ist Teil der Strategie. „Spitzengastronomie wie Szenegastronomie sind tolle Schaufenster für das Weingut“, sagt Gesine – und verweist auf die langjährige Partnerschaft mit Stefan Hermann und Jens Pietzonka. Die persönliche Erfahrung vor Ort, so ihre Überzeugung, schaffe eine nachhaltigere Bindung als jede anonyme Vermarktung. Und auch wer das Weingut besucht, versteht schneller, was die Weine prägt: Kalk, Höhe und der Wille zur Präzision. Wer es nicht ins beschauliche Monzernheim auf der Anhöhe schafft, kommt eben zum Konzertplatz in Dresden, der genau so hoch liegt wie das Weingut.
Beim Winzerin-im-Fokus-Abend (99 €) sorgte Stefan Hermann mit seinem Team für ein fein abgestimmtes Menü, zu dem es – keine Überraschung! – vom Sekt bis zum Grande Réserve hauptsächlich Sauvignon Blanc gab. Aber, und das ist das Schöne an solchen Abenden, hauptsächlich heißt ja: nicht nur. Zu jedem Gang gab’s zwei Weine – einmal war’s im direkten Vergleich ein Chardonnay im Vergleich zum Sauvignon Blanc, einmal gab’s links wie rechts Chardonnay in unterschiedlichen Qualitätsstufen. „Chardonnay kann sie also auch!“, wie die Gäste an meinem Tisch übereinstimmend-anerkennend meinten…
Menü und Weinbegleitung
- 2021 Sauvignon Blanc brut nature Sekt
- Salade niçoise vom Saibling mit feinen Bohnen und kleinen Artischocken
2025 Sauvignon Blanc
2025 Chardonnay - Rochenflügel in Nussbutter gebraten mit Kapern und Salzzitrone
2024 Sauvignon Blanc Terra Rossa
2023 Sauvignon Blanc RÉSERVE - Feines vom Perlhuhn mit Leipziger Allerlei
2024 Grand Village
2022 Grande Réserve - Lauwarmer Grießknödel mit Erdbeer-Rhabarber-Süppchen
2024 Chardonnay Westhofen
2023 Chardonnay RÉSERVE
Einige Fixpunkte des Gesprächs
- [00:35] auf dem Konzertplatz mein Gast: Gesine Roll
2008 sagt sie, es war aber 2009: Mit Message in a Bottle auf dem Konzertplatz
2013 im Viererpack zum Weiberabend!
warum Sauvignon Blanc?
SB ist erst seit 1999 (Württemberg) und 2001 (rheinland-pfälzische Weinanbaugebiete) in D zugelassen
sie durften (im Versuchsanbau) schon 1999 Reben pflanzen
der SB passt so wunderbar zu Weedenborn!
weil wirklich alle Faktoren passen: der Kalkboden, die Höhenlage 232 m (Hofhöhe) – Weinberge bis 265 m
Konzertplatz ist ähnlich hoch (230 m haben sie gemessen)
der Vorteil der Höhe: lange Reifezeit, moderate Zuckereinlagerung → Gutsweine mit 12 %, Ortsweine und Reserven meist 12,5 % - [12:03] zur Größe: 2013 schrieb ich: 15 ha – jetzt sind es 25 ha
ein Weingut kann so groß sein, wie du möchtest, solange du in den Arbeitsschritten Boutique bleibst
sie ist seit 2008 im Weingut (2003 Abi, danach Ausbildung zur Winzerin bei Bassermann-Jordan)
ein guter Lehrbetrieb hilft doppelt: Handwerk erlernen und Motivation, Begeisterung wecken
bei den Eltern hieß es noch Weedenbornhof, ihre Marke („Weingüter sind auch eine Brand“) ist Weedenborn
vor 12 Jahren fiel der „Hof“ weg, um internationaler, kürzer, prägnanter zu sein - [17:33] es gibt Wein! Zuerst: Gutswein SB
- [21:36] 80.000 Flaschen vom Gutswein jährlich
ich schätze langjährige Partnerschaften sehr (siehe Stefan Hermann/Jens Pietzonka…)
das Weingut liegt über Westhofen auf der Anhöhe
die Reserven wachsen komplett im Westhofener Morstein (steht nicht drauf als Lage, weil Reserve)
Morstein: unheimlich viel Kalk dort, ganz oben aus dem letzten Gewann
Kirchspiel (es gibt auch Riesling bei Weedenborn!)
…und in den anderen Premier-Cru-Lagen von Westhofen - [27:22] die Klimaveränderung ist da – und der Sauvignon Blanc mag es: zu Großvaters Zeiten wäre der auf der Anhöhe undenkbar gewesen!
aber auch in Portugal wachsen schlanke, tolle Weine: geht also. Man kann im Anbau viel machen!
man muss sich befassen, den Weinberg fühlen
ist Trockenheit bei ihr ein Thema?
Weedenborn als Name sagt da schon viel: Weede ist der Dorfplatz, Born ist die Quelle
was gibt’s außer SB bei Weedenborn?
Chardonnay ist zweitwichtigste Rebsorte auf Weedenborn
Riesling aus dem Kirchspiel
Weißburgunder gibt es auch noch – aber „den letzten Rotwein habe ich vor elf Jahren vinifiziert“
es gibt noch Pinot/Spätburgunder, daraus wird der Rosé der Gutsweinklasse - [33:10] in der Gastro: was würde sie zu diesem Gutswein empfehlen?
SB passt sehr gut zu vielen Gerichten! „Ich bin eher undogmatisch, was das anbelangt“
zu hellen Soßen, zu Gegrilltem
im Glas: Terra Rossa – rote Erde. Ein Ortswein
rote Erde auf Kalkbasis – Eisenoxide färben den Boden rot
Erde kommt nur selten zutage – an Abbruchkanten - [37:28] zur Cuvetierung…
manchmal muss man bei der Entwicklung der Weine eingreifen – aber immer nur so wenig wie möglich und so viel wie notwendig
alle Proben auf den Tisch, Notizen zu allen und bewerten: eine One-Woman-Show
sie macht das alleine – und kann schnell entscheiden! - [43:10] im Glas: Sauvignon Blanc Reserve aus dem Morstein
Nachtrag Terra Rossa: 9 Monate Holz, 9 Monate Flaschenreife
Reserve bleibt 18 Monate im Holz und 6 Monate Flaschenreife
wächst auf 265 m Höhe „an der Kante vom Morstein“
sie sind im Rahmen der Umstellung zum Bio-Weinbau
in der letzten Generation wurde schon kein Herbizid verwendet
wir haben auch schon ohne Zertifizierung Bio-Pflanzenschutz betrieben - [48:23] zu guter Letzt: die Grand Reserve,
Jahrgang 2022 im Glas
Sauvignon Blanc und Chardonnay als Assemblage – aber auf dem Etikett steht das nicht
Grand Reserve: das ist einfach großer Wein und es spielt keine Rolle, was es ist!
es gibt ihn seit 2017 – und es gibt die alten Jahrgänge noch. „Wir legen zurück, teilweise auch größere Mengen“
abschließend: was kosten die Weine?
Gutswein 11,90 / Terra Rossa 21,50 / Reserve 37 / Grand Reserve 52 Euro
und die zurückgelegten?
nach zehn Jahren soll ein Wein doppelt so viel wert sein – also 10 % mehr pro Jahr…
das belohnt diejenigen, die sich selbst etwas zurückgelegt haben!
Weingut Weedenborn
Am Römer 4-6
55234 Monzernheim
Tel. +49 6244 – 387
weedenborn.de
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Auf ein Glas – der Podcast der STIPvisiten. Gespräche beim Wein. Über Wein. Über Essen. Und übers Leben, natürlich.
Alle Folgen unter diesem Link: podcast.stipvisiten.de
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