Blasen für die Schönheit der Weinköniginnen

Barocker Hofstaat

Am 25. Oktober 1840 schuf sich Moritz Retzsch eine grandiose Vorlage für acht Blätter, die er – als Professor an der Dresdner Kunstakademie kein Unbekannter auf dem Gebiet – als Umrissstiche anfertigte. Der Winzerzug von 1840 ist aber auch sonst noch ganz nett dokumentiert: Georg Heinrich von Carlowitz veröffentlichte 1864 den „Versuch einer Culturgeschichte des Weinbaues, von der Urzeit bis auf unsere Zeiten, mit besonderer Beziehung auf das Königreich Sachsen zusammengestellt“ und beschreibt dort auch den Winzerzug (eine kürzere – offensichtlich frühere Fassung – des Buchs ist gescannt und als eBook kostenlos zu haben).

KalebstraubeIm vergangenen Jahr ist der Winzerzug anlässlich der Feierei zu 850 Jahre Weinbau in Sachsen dem Original nachempfunden – und dieses Jahr mit insgesamt 20 Figuren am 7. Oktober nochmals ins Rollen gebracht. Zwar war die Ernte da noch nicht im Keller (die Winzer der Genossenschaft haben vergangenes Wochenende noch Riesling gelesen, beim Zimmerling und anderen hängen sie immer noch), aber Weihnachtsgebäck wird ja neuerdings auch schon im Herbst gegessen, da darf man nicht so kritisch sein, oder? Jörg Hahn, Initiator des neuen Winzerzugs nach altem Vorbild, war dennoch zufrieden: Bestes Wetter, fröhliche Menschen im Zug und etwa 18.000 nicht minder fröhliche als Zaungäste am Straßenrand sowie (für ihn als Geschäftsführer der Stiftung Weingutmuseum Hoflößnitz natürlich besonders gut) beim Weinfest auf der Hoflößnitz.

Steffen Schabehorn gibt Paul KnollDie Abfolge 2012 entsprach also weitgehend der von 1840 – und das war einerseits schröcklich kitschig, so mit diesen barocken Fummeln und den ganzen komischen Typies. Aber andererseits war es auch faszinierend und so nahe am Vorbild des Retzsch-Bildes (und damit wahrscheinlich auch des 1840er Umzuges), dass einem der Mund vor Ehrfurcht fürbass offenstand. Zum Beispiel gibt es auf der Vorlage jemanden, der den Winzermeister Sachsens, Paul Knohll darstellt. Das war ein wichtiger Mann für die Gegend und den Weinbau, der unter sechs verschiedenen Schreibweisen in der Literatur auftaucht (davon zwei echte Pseudonyme). Wie immer, weiß die Wikipedia mehr (vor allem, wenn man zwischen den Zeilen liest, merkt man, dass der Mann schlau war und offensichtlich anerkannt in seinem Fach, aber auch ein Nörgelbuff sonder Gleichen.

WinzermeisterDennoch hat man eine Straße an der Hoflößnitz nach ihm benannt! Aber ich schweife ab, denn eigentlich wollte ich schreiben, dass im jetzigen Zug eine wahre Inkarnation des Knohll-Bildes mitlief. Der Winzer Steffen Schabehorn gab den Winzermeister Sachsens, und er machte es wirklich sehr überzeugend. Leider hat ihm keiner am Bart gezupft, um dessen Echtheit zu überprüfen – das wäre vielleicht ganz lustig gewesen…

Sächsische Wein-MajestätenEin Bild gab es im diesjährigen Zug, das wir so nicht im Original von Retzsch fanden (das man sich übrigens Stück für Stück auf einer der Unterseiten des Winzerzug-Webauftrits ansehen kann): Einen Wagen mit sächsischen Weinköniginnen! Charme und Schönheit plus ein bissel Neid, weil die Damen mal echt große Weingläse mit an Bord hatten, wohingegen das jubelnde Volk allenfalls mit viel Glück mit einem wänzigen Schlöckchen Meißner Weines beglückt wurde. DAS war früher offensichtlich besser, denn der Herr von Carlowitz wusste zu berichten, dass „das Finanz-Ministerium 1 Faß Wein aus der Staatskellerei für die am Feste theilnehmenden Winzer verwilligte“.

KutscherDie Damen Weinköniginnen saßen übrigens in einer Kutsche, auf deren Bock ein veritabler Kutscher permanent kräftig an der Zigarre zog. Da er die Hübschen dabei in den Nebel setzte, bat ich ihn eines schönen Mädels-Fotos wegen um eine kurze Rauchpause. „Yo“, meinte er, „das geht wohl! Aber ich räucher sie ja ein, damit sie länger frisch bleiben!“ – „Blas‘ weiter, Alter!“ erwiderte ich, was er sich nicht zweimal sagen ließ und fürderhin kräftig für die ewige Schönheit sächsischer Wein-Majestäten blies, dass sich die Lunge schwärzte. Das, Damen und Herren, nenn‘ ich Aufopferung im Sinne einer höheren Sache – und sowas erlebst Du nur auf dem Winzerzug anno 2012 wie weiland anno 1840. Allenfalls vielleicht noch auf dem im kommenden Jahr…

Winzerzug vom 25. Oktober 1840
Der Winzerzug von 1840

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2 Kommentare

    • Das sagen Sie so, lieber Herr Kalb. Aber unter dem Bild (das ja nachgestellt wird), heißt er Knoll. Der im Beitrag verlinkte Wikipedia-Beitrag weiß:
      „Johann Paul Knohll (* um 1628 in/um Dresden; † um 1708/nach 1702 wahrscheinlich in Kötzschenbroda, heute Radebeul), auch Johann Paul Knoll, Johannes Paul Knohlle, J. P. K., beziehungsweise unter den Pseudonymen Sincerus Philalethes und Sincerus Philalethus“
      …und ich meine mich zu erinnern, dass der heutige Knohllweg früher auch ohne h geschrieben wurde. Namen, weiß der Volksmund, sind Schall und Rauch!

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