So viel Getöse um die Natur!

Küstenwanderung entlang der Rota Vicentina bei Carrapateira

Praia da Bordeira

Der wilde Westen ist strahlend blau und zugig. Außerdem hat er die Gischt, und zwar meterhoch. Herrrr-lich! So viel Getöse um die Natur, eine ganz eigenartige Art der Stille: wir sind an der Westküste der Algarve mitten im Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina, einer geschützten Kulturlandschaft, die einerseits bewahrt und andererseits touristisch genutzt werden soll. Bei Carrapateira scheint das – außerhalb der Hochsaison zumindest – ganz gut zu funktionieren, da bestimmen Dünen, Lagunen, die bis zu 150 Meter hohe Steilküste mit kleinen Buchten und weiten Stränden das Bild.

Der Atlantische Ozean hatte hier viel Zeit, mit Hilfe der üblichen Winde sein Wasser zu sammeln und genussvoll an die Küste zu brettern. Anders formuliert: wer hier ins Wasser springt und stramm westwärts schwimmt, kommt lange Zeit nirgendwo und dann irgendwann im Jachthafen von Cushman’s Landing (Virginia, USA) an. Das war uns deutlich zu lang und zu nass, weswegen uns der Weg parallel zur Küstenlinie entlang führte, jedenfalls die meiste Zeit. Da wir im Dorf selbst parkten, mussten wir zuerst zum Meer kommen – aber der Weg ist schon mal gar nicht so schlimm. Vorbei an der Volksschule – pardon: der Escola Primária! – und einer Skulptur von Carlos Bajouca zu Ehren des Fado geht’s raus aus dem Dorf und hinein in die Dünenlandschaft.

Dünenlandschaft

Am Ende dieser Teilstrecke durch heißen Dünensand stoßen wir auf einen Parkplatz. Aha, man hätte also auch bis hier fahren können, wenn man nur zum Strand möchte. Da wir aber rundzuwandern trachteten, ist die Wahl des Abstellortes fürs Auto quasi egal. Von nun an ging’s auf dem Holzsteg durch die Dünen – deutlich bequemer und für die Dünen auch schonender (unser Teil eins war freilich auch schon offizieller Weg der Rota Vicentina, aber offensichtlich nicht so stark genutzt). Das erste Wasser, das wir alsbald zu sehen bekommen, ist nicht der Ozean, sondern der Ribeira da Carrapateira, der unweit in den Bergen entspringt und sich hier mächtig breit macht.

Ribeira da Carrapateira

Ribeira da Carrapateira

Unser Teil des Flusses (der linke…) wirkt nicht so einladend, das andere Ufer hingegen sieht schon mal chic aus – kein Wunder, ist ja auch der hintere Teil der Praia da Bordeira. Bis zur Sichtung des vorderen Teils geht’s zuerst naturnah auf Sandpfaden am Rande des Abgrunds (naja…) zum Fluss entlang, später dann wieder gemütlich über einen Holzsteg. Und ja, was sich dann auftut, ist schon großartig: der weitläufige (und bei unserem Besuch im Oktober naturgemäß hübsch leere) Sandstrand zur Rechten, das mit weitläufigen sich brechenden Wellen türkis-gischtweiß der Ozean zur Linken. Im Vordergrund Dünen (mit Holzstegen), im Hintergrund die Steilküste, die im Gischtdunst vernebelt.

Praia da Bordeira

Die für unsere Ansprüche ungewöhnliche Entscheidung: wir gehen nicht runter an den Strand, sondern bleiben oben auf den Klippen und schauen da, was uns erwartet. Im Prinzip: nichts. Oder: immer das gleiche. Oder: so viele Eindrücke, so viele Farben! Der Standard-Mix ist blauer Himmel mit weißen Wölkchen über dem Meer, das von Tiefblau in der Ferne nach Türkis in der Mitte bis zum Weiß in Küstennähe reicht. Und die Felsen, die die Küste bilden, geben sich gerne rostrot, manchmal graugelb, selten mit grünen Tupfern. Aber das kann natürlich auch am Monat liegen – im Mai ist da sicher mehr Leben auf den Klippen!

Praia da Bordeira

Praia da Bordeira

Apropos Leben auf den Klippen! Das gibt es natürlich auch abseits der Vegetation. Wir sahen als Beifang zu unseren Beobachtungen der aufbrandenden Wellen einen Angler, der sich offensichtlich auskannte: in stoischer Ruhe steht er auf dem Felsen und scheint zu wissen, dass rund um ihn herum das Wasser weit höher aufsteigt, ihn aber nicht erwischt. Deutlich sicherer steht ein Mann nicht weit davon entfernt auf den Klippen, garantiert spritzsicher – die lässige Haltung kann er sich also leisten. Er guckt zwar zum Horizont, aber nicht in Richtung Cushman’s Landing, das ist weiter links. Der Mann mit den ausgestreckten Armen, der so tut, als ob er gerade den kleinen Felsen vor ihm im Meer umarmen möchte, schaut übrigens in die richtige Richtung, so weit man das aus der Fotografierentfernung beobachten konnte. Der Typ auf dem Wohnmobil auf seinem eigenen Hochsitz schaut sinnierend ebenfalls in die richtige Richtung, grob gesehen. Hinterm Horizont geht’s nämlich weiter!

Carrapateira Menschen quer

Praia da Zimbreirinha

Der Horizont ist spannend, aber dann doch irgendwie eintönig. Also schauen wir viel häufiger in die Richtung, in die wir gehen – süd-südwest. Die Küstenlinie vor uns zeichnet sich nicht klar ab, weil Gischt und Gegenlicht nicht die optimalste Bedingung für eine saubere Fernsicht bilden. Umso angestrengter debattieren wir: ist das am Ende der sichtbaren Küste das Cap von Sao Vicente? Einen Leuchtturm sehen wir nicht, aber der ist ja auch tagsüber nicht wirklich herausragend… Was wir hingegen sehen, ist ein Restaurant – und das soll herausragend sein: das Sitio do Forno! Aber das ist (natürlich…) eine andere Geschichte.

Nach dem Essen sollst Du – ähm, was noch mal? Tausend Schritte tun? So viele sind es aber gar nicht bis zum nächsten Stopp, dem Castelo de Aljezur. Das sind die erstaunlich gut erhaltenen Reste einer islamischen Siedlung aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Kleine Häuschen waren das, und wenn das Kopfkino erst einmal losgeht, möchte man da dann doch eher nicht gelebt haben. Aber eine schöne Aussicht haben sie da gehabt!

Ponta do Castelo

Ponta do Castelo südlich

Ponta do Castelo nördlich

Am Praia do Amado – ein Surferparadies und gar nicht weit von einem Parkplatz, auf dem sogar außerhalb der Saison etliche Wohnmobile stehen, wenden wir uns vom Meer ab und wandern beschaulich durch karge Heide- und Dünenlandschaft zurück zum Ausgangspunkt.

Carrapateira

PS:  Dies ist ein Text zum Februar-Blatt des Kalenders 2021. Eine Übersicht über alle Kalenderblätter, die Möglichkeit eines PDF-Downloads und alle Orte auf der Karte gibt’s hier!

 

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