Wo pittoresk mehr als eine Phrase ist

Kleine Bummelei durch Ferragudo an der Mündung des Flusses Arade

Ferragudo

Eine Landschaft oder eine (zumeist nicht so arg große) Stadt pittoresk zu nennen, gehört zu den leichtesten Übungen von Reisebuchautoren (m/w/d). Im Falle von Ferragudo, dem einstigen Fischerdorf und der heutigen Touristen-Kleinstadt, könnte das Wort aber mehr als eine beliebte Phrase sein. Das liegt an der malerisch den Hügel aufsteigenden Stadt mit den weißen Häusern und den engen Gassen, aber dazu gehört natürlich auch das Leben am Fluss Arade, der hier breit ist und gemächlich in den Atlantischen Ozean übergeht.

FerragudoWie so oft lohnt es sich, vor dem Blick ins Detail den Blick von außen zu wagen. Außen heißt hier entweder: vom gegenüberliegenden Ufer, also von der Stadt Portimão. Oder, schon am anderen Ufer, aber noch vor der Altstadt, den Stadtstrand an der Bucht zu finden, der gegenüber der Cais dos Pescadores liegt und den Blick freigibt auf die Stadt auf dem Hügel oben drüber. Das viel schönere Überblicksbild fanden wir dann übrigens in den Gassen der Altstadt als eine dieser herrlichen Azulejos. Der Künstler hatte es besser getroffen als wir, die wir statt des so herrlich platzierten Bootes 1014 dort nur ein parkendes Auto vorfanden, was sich auf einem Bild längst nicht so malerisch macht.

Hommage an den FischerAch, die Fischer! Sie machten früher den Charme des Dorfes gegenüber der großen Stadt Portimão am rechten Ufer des Flusses Arade aus. Mittlerweile bringen die Touristen mehr Geld, aber ob ihnen jemals ein Denkmal gesetzt werden wird? Die Fischer jedenfalls haben ihres bekommen, eine Skulptur mit dem Titel Hommage an den Fischer, die der 1936 in Ferragudo geborene Künstler Francisco Bronze 1993 im Auftrag des Stadtrates von Lagoa geschaffen hat. Zur Darstellung des Fischers, der auf einem der kleinen Boote sitzt, gibt es einen schönen Beitext von Luis António dos Santos. Der wurde (1898) ebenfalls in Ferragudo geboren und war mehr Jurist und Verwaltungsangestellter (unter anderem von 1962 bis 1970 Präsident des Gemeinderats von Lagoa) als Schriftsteller. Aber es gibt ein Buch: Barlavento (zu seemannsdeutsch: Luv – das ist die dem Wind zugewandte Seite von zum Beispiel Schiffen), laut Untertitel sind es Geschichten aus der Algarve. Hier das Zitat: „Hey Leute, steht auf, es ist Zeit! Das Meer ist voll!“ Als er keine Antwort erhielt, fügte er noch lauter hinzu: “Los geht’s! … Wir müssen die Kraft der Ebbe ausnutzen. Ich will, dass die Geräte heute vor Tagesanbruch auf See sind.

Hommage an die Arbeiter der KonservenfabrikDie Fischerei begleitet uns noch weiter, denn wir stoßen auf die Würdigung der Arbeiter der Konservenfabrik durch den Gemeinderat von Ferragudo. Vor gut hundert Jahren entwickelte sich Ferragudo nämlich wegen der dort angesiedelten Konservenindustrie zu einer wohlhabenden Stadt. Die goldenen Zeiten gingen dann allerdings vorüber, wohl auch, weil man nicht Willens oder nicht in der Lage war zu investieren, um mit neuen Technologien Schritt zu halten. Die Fabriken wurden unrentabel und verschwanden. Das Denkmal für die, die dafür wohl am wenigsten konnten – die Arbeiter – ist ein Quader mit vier Motiven mit den schon erwähnten blauen Fliesen, den Azulejos. José Cortes, ein Autodidakt in Sachen Bildhauerei und Malerei aus Ferragudo, hat sie geschaffen, die Motive sind wie ein kleiner Reiseführer für seine Heimat: den Brunnen, die Kirche, die Bucht Largo da Feira bei Flut sowie den Strand Angrinha mit der Burg Arade.

StufenAm Wasser entlang schlendernd genießen wir in der Nachsaison (Oktober) mehr Ruhe als im Sommer, aber die Restaurants an der Straße signalisieren, dass man hier auf mehr Publikum eingestellt ist – von der einfachen Fischerkneipe (es gibt immer noch einige aktive Fischer, ich las in einer Quelle die Zahl 40) bis hin zum hochpreisigen Restaurant, in dem man dann mit Austern und Hummer ganz gut bedient ist. Wir waren ja nur für einen kurzen Bummel da, sind also nirgendwo eingekehrt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…

Igreja de Nossa Senhora da ConceiçaoDie Kirche Nossa Senhora da Conceição (Unsere Liebe Frau von der Empfängnis) wurde 1520 erbaut und beim Erdbeben von 1755 zerstört. Natürlich wurde sie danach wieder aufgebaut. Steht man vor der Kirche, kann man herrliche Ausblicke genießen – sie ist (natürlich…) ganz oben auf dem Hügel errichtet. Geht man hinein, kann man eine reichhaltige Sammlung von Altarbildern im Rokoko-Stil bewundern. Mehrere in den Kapellen angebrachte „Ex-Votos“ gehören ebenso zum Anseh-Programm – es sind Zeugnisse der Volkskunst, ehemalige Versprechen von Seeleuten und Fischern aus dem 18. und 19. Jahrhundert an die Schutzpatronin und ihre Wunder.

Ferragudo GassenVon nun an geht’s bergab. Herrliche Gassen, üppig blühende Bougainvilles – und (wieder: im Oktober!) himmlische Ruhe. Zwischen den Punkten mit Blütenpracht kamen wir dann noch am Torre do Moinho vorbei, dem Mühlenturm. Der Turm wurde im 15. Jahrhundert als Wachturm gebaut, beherbergte dann eine Mühle und ist heute Namensgeber für ein Neubauviertel.

 

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