Leiden einer steinernen Jungfrau: die Barbarine am Pfaffenstein

Eine Sage aus alten Zeiten…

Barbarine
Die Barbarine

Ach, Barabara, wärst Du doch nie in die Heidelbeeren gegangen! Aber Du musstest ja, anstatt in der Kirche andächtig zu frömmeln, auf dem Pfaffenstein naschen gehen. Und wir wollen mal hoffen, dass da nicht noch andere Dinge passiert sind, in den Heidelbeeren…

Wie auch immer: Die Mutter hat’s mitbekommen (warum war die eigentlich nicht in der Kirche?) und Dich verflucht. Und so bist du, liebe Naschkatze, zur Barbarine geworden, um als „Stein gewordene Jungfer auf immer … alle ungehorsamen Kinder“ zu warnen, wie es auf dem Schild an der Barbarine immer noch steht. 1755 fand man in der Königsteiner Chronik die rührselige Geschichte zum Felsen, der auch als Jungfernstein bekannt war.

Jungfräulich blieb er auch lange – bis in den September 1905. Da kamen, einmal am Abend des 18. September und dann nochmals am Nachmittag des 19. September zwei Männer – entschlossen, dieser steinernen Jungfrau in des Wortes verwegenster Bedeutung auf den Leib zu rücken.

Es war Sportsgeist, der Rudolf Fehrmann und Oliver Perry-Smith antrieb: Es war chic seinerzeit, Gipfel in der Sächsischen Schweiz zu besteigen – und natürlich wollte man erster sein. Perry-Smith hatte der Barbarine wohl überhaupt noch nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, ich selbst hatte sie zuerst 1895 als Junge von neun Jahren gesehen.

Die Barbarine ist eine 42,7 m hohe Felsnadel, gleich neben dem Pfaffenstein. Sie gilt heute als das Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz.

Der erste Aufstiegsversuch – heute vor hundert Jahren – geschah nicht unbeachtet: Ein Bauer mit seiner Pflugschar hielt schirmend die Hand über die Augen und guckte, wie weit wir wohl inzwischen gekommen wären. Schlimmer als der einsame Ackersmann weit unten war das Spektakel gleich nebenan: Drüben an der Pfaffenstein-Aussicht hatte sich ein Schulausflug kiemer Mädchen eingefunden, und es erhob sich da ein Lärmen und Kreischen, daß mir ganz wüst im Kopfe wurde und ich mich kaum mit Perry-Smith verständigen konnte. Aber auch diese Qual ging vorüber, die Schar zog wieder ab.

Weiter ging’s, ohne Hilfsmittel, aber doch nicht ungesichert: Ein Eisenring zur Sicherung wollte und wollte nicht in den Sandstein – es dauerte wohl über eine Stunde, und die Hände von Fehrmann waren vom langen Hämmern und dem Festhalten des dünnen Meißels ziemlich müde geworden und wurden, wenn ich einen Gegenstand fest anpackte, vom Krampfe befallen. Es entspann sich ein kleiner Dialog – die Herren hingen zwar gemeinsam an einer Jungfrau, gingen aber doch recht förmlich miteinander um: „Nun, was denken Sie?“ rief Perry-Smith herauf. „Nun, ich denke“, klang es nach unten zurück, „daß ich in einer Minute auf dem Gipfel stehen kann. Aber da meine Finger recht müde sind, habe ich nicht den Grad von Sicherheit, ohne den ich nicht gern steige.“ „So? Nun dann gehen wir morgen wieder an die Barbarine und kehren jetzt um!“ rief Perry-Smith wieder herauf. Dem Gipfel schon so nahe, daß kaum zwei Meter fehlten, um die Hand darauf legen zu können, kehrte ich doch um.

Cool. Also zurück ins Gasthaus, um es tagsdrauf nochmals zu versuchen. Doch am nächsten Tag pfiff ein heftiger Wind, den man auf der Barbarine-Aussicht zu spüren bekam. Dort nun bekamen wir den Südost so recht aus erster Hand. Der kam keuchend über das Hügelland gehetzt, stieß gegen die Steilwand des Berges und fuhr wie tollgeworden in dem Felswinkel herum. Dann stob er wieder hinaus, packte die Bäume des Waldes beim Schöpfe und zauste und schüttelte sie, daß sie stöhnten und pfiffen; wo er einen Laubbaum erwischte, riß er ihm die Blätter vom Leibe und wirbelte sie in den Himmel hinauf. Als er auch das satt hatte, machte er sich über die Straße, raffte Staub auf, soviel er fassen konnte und streute ihn über die Fluren. Wir hatten keine Lust, bei diesem Spektakel unsere Besteigung fortzusetzen.

Gegen 16 Uhr hatte der Wind die Puste verloren und war nach Hause gegangen, um auszurasten. Weg war er auf einmal, ganz weg! Die beiden Kletterer zogen wieder los, Vorarbeit war ja schon geleistet. Perry-Smith bediente das Seil, Fehrmann eröffnete den Reigen der durch Bergsteiger verursachten Schäden (dann zog ich mich langsam und vorsichtig über den Überhang hinauf – da brach plötzlich der einzige Tritt, auf dem mein Fuß stand, weg) und überwand, anders als erwartet, den Überhang. Wenige Augenblicke später stand ich auf dem Gipfel und schrie vor jubelnder Freude in die Luft hinaus; da merkte mein Freund, daß nun alles, alles gewonnen sei und stimmte fröhlich ein. In kürzester Frist stand er neben mir und reichte mir die Hand. Und auch der Bauer, der wieder unten seine Pferde Furchen ziehen ließ, riß er den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn im Kreise, winkte uns zu und erwiderte eifrig unsere Rufe.

75 Jahre wurde die Jungfrau reichlich bestiegen, wobei sie zunehmend darunter litt. Seit 1975 gibt es ein Kletterverbot – Blitzeinschläge, Verwitterung und eben auch die Kletterer haben die Sicherheit und Standfestigkeit der Jungfrau gefährdet. Das geologische Naturdenkmal wird nun nur noch ausnahmsweise bestiegen – meist von Geologen und Wissenschaftlern, die weitere Schäden abwenden wollen.

Ulrich van Stipriaan

Fett gesetzt sind Zitate aus dem Bericht von Rudolf Fehrmann

STIPvisiten · 09/2005

Auch als Teil dieser Wanderung:
Königstein-Pfaffenstein
Berggaststätte Pfaffenstein
Auf dem Pfaffenstein
Sage der Barbarine
Pfaffenstein-Quirl-Diebshöhle-Königstein

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