Essen mit Stil

Bacchus

Mit Löbtau verbindet man in Dresden ja eher nicht so die feine Art. Der Begriff „Kuh-Löbte“, der heute noch weit verbreitet ist, täuscht allerdings mehr Romantik vor als dem Stadtteil innewohnt: Die großen Viehweiden gab es im vorindustriellen Zeitalter (da aber eben reichlich, alles hat ja seine Berechtigung). Vor rund 150 Jahren aber ging dann die Industrialisierung los, mit Mühlen, Fabriken (Zement, Eisengießerei, Schokolade) und Arbeiterwohnungen (unter anderem eine schöne Siedlung von Hans Erlwein).

Mittendrin gibt es „Bacchus“, ein Restaurant und Weingarten. Die Geschichte des Hauses geht weit in die Zeiten der DDR zurück. Anfangs eine Viertelskneipe mit gutem Bierumsatz (Löbtauer Casino), später dann Weinrestaurant ohne Bierausschank, aber mit (so sagt man, wir haben’s nicht probieren können) gutem Essen. Unsereins fragt sich ja immer, was die Leute nach der Wende geritten hat, da nicht mehr hinzugehen – denn statt langer Wartezeiten (bis zu einem halben Jahr!) gab es erst einmal ein Loch und keiner kam mehr, es folgten diverse Pächterwechsel und der Verlust des guten Rufs.

Das alles sollte man wissen, wenn man nun den Bacchus besucht und sich womöglich im Dunkeln durch Löbtau tastet, um dann in ein Eckhaus zu gehen, das einen mit einer ganz anheimelnden Atmosphäre erwartet: Warm ist es, aber nicht nur wegen der Heizung, sondern auch wegen der Ausstattung: Im Stil der 50er oder 60er Jahre, mit reichlichen Zitaten aus den Bereichen Film und Musik. Die Tische sind nett eingedeckt, wir fühlen uns wohl. Voll ist es auch an diesem ganz normalen Donnerstag – gut, dass wir reserviert hatten!

Seit Mitte 2008 schon hat Alexandra Göllner das kleine Wunder vollbracht, der Eckkneipe mit der guten Vergangenheit auch eine beachtenswerte Gegenwart zu verschaffen. Neben den Aspekten Essen und Trinken gibt es auch kulturelle Angebote, mit Thomas Stelzer und Mario Thiel beispielsweise.

Mit einer unglaublichen Freundlichkeit werden wir empfangen – und die bleibt den ganzen Abend bis zur Verabschiedung ein prägender Teil des Abends. Der andere war das Essen, weswegen wir ja eigentlich da waren! Die Standardkarte wechselt alle drei Monate, zusätzlich gibt es noch eine Monatskarte mit noch mehr Saisonalem. Die meisten Angebote klingen nach deutscher Küche, aber mit allerlei verfeinernden und erfreulich undogmatischen Einflüssen.

Wir waren zu viert und konnten entsprechend viel probieren. Unter anderem genossen wir alle von der ungewöhnlichen Vorspeise (Burger von Blutwurst – mit Süßkartoffeln statt Pappebrötchen und einer delikaten Blutwurst) über die Barbarie–Enten–Keule an gedünstetem Wirsing und glasierten Schupfnudeln, die wie ein Sauerbraten süß-säuerlich zubereitet war bis hin zu den Desserts, von denen Portwein-Zwetschgen an Pistatienparfait in nachhaltiger Erinnerung geblieben sind.

Also alles gut? Ja, sogar im kleinen Krisenfall: Als wir beim Argentinischen Rinderhüftsteak (mit Ziegenkäsetalern und Waldpilzen auf einer Jus vom Pinot Noir) monierten, dass es uns ein wenig zu sehr durchgebraten sei, bot man uns sofort ein neues an – aber so schlimm war’s ja doch nicht. “Beim nächsten Mal”, lächelte unsere Bedienung, “erinnern Sie mich dran: Dann gart der Koch das Steak rückwärts!” Schon deswegen müssen wir wieder hin!

Bacchus – Restaurant & Weingarten
Clara Zetkin Strasse 15
01159 Dresden

[Update Juni 2016: Geschlossen]

Tel: 0351 – 42 41 835
www.bacchus-dresden.info

[Besucht am 24. November 2011 | Veröffentlich am 15. Dezember in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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