Wenn das Staunen kein Ende nimmt…

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Es ist ja nicht gerade praktisch, wenn einem beim Essen oder Trinken eines wirklich guten Weins der Mund offen steht – aber das kann passieren, wenn exquisiter Wein auf exzellentes Essen trifft. Der Vernunft folgend schließt man eher über kurz als über lang den vor Staunen oder Ehrfurcht geöffneten Mund, aber nicht ohne vorher einen Löffel des Essens und/oder einen Schluck des Weines auf den Weg gebracht zu haben. Denn dafür sind offene Münder ja eigentlich gemacht!

Wir sind im Land der Biertrinker, wir sind in Westfalen. Aber zwischen den beiden Städten des Westfälischen Friedens, zwischen Münster und Osnabrück, liegt Ladbergen mit seinem Gasthaus zur Post. Und da weiß man zu genießen! Zum Beispiel vergangenen Samstag: Da kamen drei Winzer aus dem Osten der Republik und die Gäste von überall her, um zu Spitzenweinen von Winzern des VDP Sachsen-Saale-Unstrut fünf Gänge von Oliver Lisso zu verkosten, der seit fünf Jahren als Küchenchef im Gasthaus Akzente setzt.

Weinabende wie diesen gibt es seit über zehn Jahren im Gasthaus, und immer sind Spitzenwinzer zu Gast. Aber meist repräsentieren ihre Weine bekannteres Terrain. Aber das macht es ja spannend: Neues zu entdecken und Lust auf mehr davon zu bekommen. Und wenn die Informationen dann aus erster Quelle kommen: umso besser. Die Quellen waren drei der vier Winzer, die den Verband Deutscher Prädikatsweingüter in Sachsen und Sachsen-Anhalt repräsentieren. Sie waren gekommen, um nicht nur über ihre Weine zu reden, sondern auch über die Gegend, aus der sie kommen – und ganz nebenbei erfährt man auch noch was über die Geschichte der Weingüter. Wenn’s dazu beim Stehempfang vor dem Menü im Gartenzimmer und der Poststube des Gasthauses zu köstlichem Fingerfood einen fein perlenden 2009 Schloss Proschwitz Riesling Brut gibt, dann ahnt man: das könnte ein schöner Abend werden.

Das Menü begann mit einem Riesling von Uwe Lützkendorf. Kalte Nächte und heiße Tage im Sommer prägten die 2011 Karsdorfer Hohe Gräte. Ein Wein, dessen feine Mineralität ein prima Start in den Abend war (und, nebenbei, auch eine mögliche Antwort auf die nun sicher wieder häufiger gestellte Frage: Was geht mit Spargel?). Die Küche schickte eine Spargelcharlotte mit pochiertem Soja-Ei, Frühlingssalat und Schnittlauchvinaigrette – durchaus mutig, aber wie gesagt: der Schmelz dieses Gangs fügte sch trefflich zum Riesling.

Klaus Zimmerling erzählte erst einmal gar nicht über sich, sondern über seine Frau – denn „hinter jedem starken Mann steht eine noch stärkere Frau!“. Malgorzata Chodakowskas Arbeiten zieren die Weine von Zimmerling, die meist nur in kleinen Flaschen (0,5 l bzw. 0,375 l) auf den Markt kommen: Der Pillnitzer Königliche Weinberg ist klein, das Weingut hat insgesamt nur 4 ha, und Zimmerling verzichtet konsequent auf Menge. Was herauskommt, lohnt die Mühe (und manchmal auch das Risiko später Ernten). Mit diesen Weinen möchte man zum Skulpturensammler werden!

Vor dem Gang, als Zimmerling seinen 2011 Gewürztraminer vorstellte, runzelte er noch die Stirn: Ob Gebeizter Lachs mit eingelegtem Ingwer, souffliertem Reis und Jakobsmuschel-Dashi dazu passen würde? Nach dem Gang eilte er in die Küche, nach dem ganzen Menü holte er sich Küchenchef Oliver Lisso: Die Skepsis war der Begeisterung gewichen! Auch die Gäste am Tisch waren hin und weg – wegen des Gewürztraminers (der für viele der beste Wein des Abends war), aber auch wegen der Würze im asiatisch angehauchten Lachs, die dem feinen Litschiaroma im Traminer schmeichelte.

Der nächste Gang kündigte sich durch einen zarten Hauch an, der frühlingshaft den Biedermeiersalon durchwehte: Bärlauch! Aber erstens nicht übermächtig, sondern fein dosiert. Obendrein war da noch was, nicht so derb im Geruch: Morchel! Es gab: Morchel-Savarin mit Bärlauchschaum, und nicht nur der Duft war ’ne Wucht. Dazu tranken wir einen 2011 Edelacker Weißer Burgunder – ein Grosses Gewächs vom Weingut Bernhard Pawis (Saale-Unstrut), der wegen Terminschwierigkeiten nicht in Ladbergen anwesend sein konnte. Aber das tat dem Wein, der sich mit wenigen Holztönen (jaja, das Eichenfass…) und einer feinen Balance von Säure und Restzucker der Duftorgie entgegenstemmte, keinen Abbruch.

Georg Prinz zur Lippe, Chef von Sachsens ältestem und größtem privaten Weingut Schloss Proschwitz (immerhin ca. 80 ha!), könnte ja stundenlang von der Geschichte des Wiederaufbaus seines Weinguts in Meißen erzählen – und man wüsste dann in etwa, wie das damals so war, Anfang der 90er. Aber er ließ es und pickte sich nur einen Aspekt heraus: Der VDP, dem die anwesenden Winzer alle angehören, sei eben mehr als ein Verband: „Das ist auch ein Freundeskreis!“ Und über Freundschaften kann man ja bekanntlich am besten die Balance zwischen Urteilen und ihren kleinen Cousins, den Vorurteilen, herstellen. Was sich in den vergangenen zwanzig Jahren beispielsweise geändert hat? Da reicht ein Satz: „Früher haben wir viel Hilfe und Unterstützung aus den alten Bundesländern erfahren, aber mittlerweile rufen einige Winzer aus dem Westen bei uns im Osten an und fragen, wie etwas geht! Oder sie schicken ihren Nachwuchs zu uns in die Lehre!“ Schöner kann man doch Anerkennung nicht formulieren!

Und schöner als mit einem 2008 Schloss Proschwitz Dornfelder, Barrique kann man ein Geschmortes Zicklein mit getrockneten Tomaten, Artischocken und geräucherten Kartoffeln nur schwer begleiten. Zumal man da auch mit eigenen Vorurteilen aufräumen kann, wenn man das vergleicht, was man so zum Thema Dornfelder im Kopf hat und es in Relation setzt zu dem, was man bei diesem 18 Monate im Barrique gereiften vollmundigen Wein am Gaumen spürt.

Gasthaus zur Post
Dorfstr. 11
49549 Ladbergen

Tel.: +49 5485 93 93 0
http://www.gastwirt.de

[Besucht am 13. April 2013]

Disclaimer:
Das Gasthaus zur Post ist Kunde von mir – dieser Text aber außerhalb der Aufträge entstanden.

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