Erbarmen – die Electro-Punk-Cabaretisten kommen!

Sado Opera und andere beim Schaubudensommer

Schaubudensommer

Der Herr Direktor steht vor der Programmtafel und beantwortet Fragen. Die am meisten gestellte ist wahrscheinlich die nach dem Besten, dem Geheimtipp, dem ab*so*lu*ten Muss – und Helmut Raeder, der zusammen mit Heiki Ikkola die künstlerische Leitung des Schaubudensommers verantwortet, beantwortet wissend und ruhig alle diese Fragen. Wir stellten sie auch und bekamen die drei Hinweise, die uns den Abend als Flanierroute durchs Scheunengelände dienen sollten. Und siehe: Es war wie immer: zweimal Begeisterung und einmal or nööö. Wir vermuten, dass der Herr Direktor das absichtlich macht und hauptsächlich dafür sorgt, dass auch alle Zelte und Schaubudenkünstlerinnen und -künstler gleichmäßig Zuschauer abbekommen.

Jewels Good & Empress StahWer den Schaubudensommer nicht kennt: Das ist eine alljährliche Veranstaltung in der Dresdner Neustadt, in der (zumeist…) großartige Kleinkünstler in Zirkuszelten und vorhandenen Räumen gaukeln, pantomimen, puppenspielen, rocken, zocken, trommeln, verwundern, erstaunen und was sonst noch so möglich ist unter liebevollen Gauklern – also alles. Und während wir unseren Lieblingswein aus dem Scheune-Café schluckten, genoss Beautiful Jewels Kleiderbügel und ein Schwert. Jewels ist eine Hübsche, sagt ja schon das Beiwort beautiful, und eine Kokette. Sie lächelt und sie augenschlagt, sie gießt Wasser in ein Glas und zieht es am Wasserstrahl hoch und sie holt sich einen Mann aus dem Publikum, den sie in die Geheimnisse von erstens weiblicher Verführungskunst und zweitens in die dämonischen von Succubus einführt (was ja irgendwie zusammenhängt). Ein gehauchtes Küsschen und die Manneskraft ist hin – also die, mit der Jens aus dem Publikum die 48 Kilo leichte Jewels hochheben konnte. Mit einem weiteren (durchaus nicht mehr so zarten) Kuss bekam er wieder, was er vorübergehend verloren hatte. Beautiful Jewels wurde daraufhin von ihrer Kollegin Empress Stah (mit der zusammen sie nur beim Schaubudensommer auftritt) nach Manier der zersägten Jungfrau zerstückelt. Die Empress hatte zuvor schon als Entfesselungsmädel und am Trapez tolle Sachen gemacht, so dass man ihr das bisschen Sägen verzieh – zumal sich am Ende ja sowieso alles wieder fügte und die beiden SchickiMickis zusammen vor dem begeisterten Publikum verneigten.

Neville TranterWas so leicht aussieht, ist ja in der Regel harte Arbeit. Bei Neville Tranter, der aus den Niederlanden kommt und mit armgroßen Handpuppen agiert, konnte man das fein beobachten.  Sein frisches Hemd war am Ende der Show vollkommen durchnässt. Ein wenig Feuchtigkeit im Zelt ging zu Lasten des Publikums, das Tränen lachte ob der skurillen Geschichte um Nigel, dessen abhanden gekommenen Assistenten Emile, einem Kamel und Bin Laden. Köstliche Charaktere, und das Kamel fanden wir dann im Laufe des Abends auch noch: Ein Besucher trug eins mit sich herum…

Sado OperaTja, und dann war da noch Sado Opera. Die Jungs und Mädels saßen am frühen Abend im Scheune-Café neben uns und sahen aus wie Schwiegermuttis Darlings, so mit Matrosenhemdchen und hübschen Gesichtern. Sie waren sehr sehr nett zu den Gästen um sie herum und verteilten brav Werbezettel. Später im Saal saß das Publikum erwartungsfroh-abwartend auf dem Boden, um das „Cabaret Sado Opera“ zu erleben. Cabaret? Naja. Der Kollege Anton Launer betitelte seine Beobachtungen (er war eine Show vor uns drin!) Wenn die Qual zur Lust wird – und irrte. Denn hier wurde doch die Lust zur Qual. Laut war’s (nicht schlimm) und schrill (an sich ja auch nicht schlimm) – aber hochgradig sinnentleert. Wer „Magic! Magic!“ schreit und dabei Konfetti verpulvert, ist kein Magician. Und wer als Frau mit blanker Brust laut nicht singen kann, stiehlt nicht einmal Femen-Aktivistinnen die Schau. Die Lust im Publikum, das zwar nach dem zweiten Stück aufstand, hielt sich jedenfalls arg in Grenzen – und es gingen ja auch etliche vor dem Schluss.

Der Herr Direktor empfiehltDer diesjährige Schaubudensommer ist bereits der sechzehnte und findet vom 4. bis 14. Juli statt, der Festivalplatz hinter der Scheune (Alaunstraße 36-40, 01099 Dresden) ist ab 19 Uhr geöffnet. Bis 20 Uhr kommt man so aufs Gelände, danach kostet es zwei Euro. Tickets für die Shows , die quasi täglich wechseln, gibt es ausschließlich an der Abendkasse: Eine Vorstellung (ca. 20 – 30 Minuten) kostet 5 € , das Dreier-Ticket 12 €. Kinder zahlen nicht mal die Hälfte (zwei Euro).

[Besucht am 6. Juli 2013]

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