Mehr als Bilder für den Augenblick…

Herbstausstellung mit Bildern von Goran Djurovic bei Antiquitäten und Kunst, Ladbergen

Untitled

Goran Djurovic ist ein großer Maler, ist man geneigt zu kalauern angesichts der massiven zwei Meter, die sich Ihnen hier präsentieren. Aber über Kalauer, und damit guten Morgen und herzlich willkommen zur Ausstellungseröffnung hier im Antiquitätengeschäft Schulte-Freckling, meine Damen und Herren, über Kalauer dieser Art ist Goran Djurovic erhaben. Das liegt einerseits daran, dass er den nötigen Humor mitbringt und andererseits daran, dass es nicht nur die körperliche Größe ist, von der hier die Rede ist, sondern eine bewundernswerte Mischung aus Kreativität und Handwerk, aus Beobachtungsgabe und Inspiration, die er sich gerne in der Literatur, der Dichtung holt.

Zum Lebenslauf des Künstlers ist nicht viel zu sagen, weil, wie er meint, so ein Lebenslauf ja die Bilder nicht zwangsläufig erklärt. Da mag man anderer Meinung sein, kann es aber auch hinnehmen, und so seien nur einige Eckpunkte genannt: Geboren 1952 in Belgrad, studiert 1975 bis 1980 in Dresden an der Hochschule für Bildende Künstler. Dort lernt er übrigens auch Jürgen Wenzel kennen, dem viele von Ihnen vor etwa einem halben Jahr an dieser Stelle begegnet sind.

Seitdem, also seit nunmehr fast 20 Jahren, ist Goran Djurovic als freier Künstler tätig, zuerst – nach dem Studium – in Belgrad, dann in Ostberlin und – seit 1985 – in Westberlin.

So kurz kann ein langes Leben klingen, aber wenn man zwischen den Buchstaben und Zahlen zu lesen oder hören versteht, dann merkt man natürlich schon das eine oder andere Mal auf: Als freier Künstler zu arbeiten, ist unabhängig aller Systemgrenzen immer ein Eiertanz. Freier Künstler, das klingt nur gut. In der Regel müssen die, die das tun, zusätzlich zur künstlerischen Tätigkeit irgendetwas Knechtliches machen, damit die Miete bezahlt und die Grundnahrungsmittel und die Farben und die Leinwände und die Rahmen gekauft werden können. Und so kommt dann zum Beruf Maler oder besser: Freier Maler der Job. Ausgerechnet Wachmann war so einer – womit nicht gegen diese ehrbare Tätigkeit an sich gesagt werden soll, aber im Zusammenklang mit der Freiheit der Künste macht sich das schon seltsam aus.

Sei‘s darob: In einem Katalog las ich, und das zitiere ich jetzt einmal, weil man es schöner nicht sagen kann, dieses: „Als Wachmann mit Künstlerdiplom wusste er den kafkaesken Arbeitsumstand zu schätzen. Wie von selbst drängte ihm die Klause das kleine Format auf. Und das Spielen mit der Stellvertretung von ewigen Werten. Die kleinen Tafeln machten den Maler plötzlich frei, zu arbeiten wie er wollte, ohne eine persönliche Stilauffassung festlegen zu müssen, die er als beengend empfand. Er konnte beim Malen den Soutine probieren, volkstümliche Farbholzschnitte der „Lubok-Blätter“ aus Russland heranziehen oder Malewitsch analysieren. Er konnte den eben gemalten Propheten neben dem Bajonett tragenden Revolutionär ablegen, der wiederum eine Maus nach sich zog. Der konzeptualistische Ansatz zur Bilderreihung war ein Gebot der Not. Deren Ergebnis aber stimmte wieder auf düstere Weise. Denn das, was Goran Djurovic zusammenfügte, ergab die Möglichkeit, eine Bilderwand zu errichten, den Ikonostas, der in der orthodoxen Kirche den Altarraum von der übrigen Kirche und der Gemeinde trennt, sie aber gleichwohl instruiert.“

Soweit das – lange – Zitat, in dem mir lediglich auffiel, dass der Kollege Festredner 1994 befand, dass die Bilder „auf düstere Weise“ zusammengefügt seien. Da ich den Künstler damals noch nicht kannte, gibt es entweder eine Entwicklung zum Heiteren – oder eine andere Sichtweise. Da müssen wir, lieber Goran Djurovic, bei einem Glas Wein nochmal drüber reden!

Denn soviel steht für mich fest: Auch wenn man da auf dem einen oder anderen Bild vordergründig Dinge sieht, die man nicht gerade als heiter oder gar lustig einstufen würde, lohnt ein schnelles Weggucken nicht. Goran Djurovics Bilder sind keine Illustrationen, sie verlangen assoziatives Interpretieren. Und so bekommen dann auch auf den ersten Blick weniger charmante Themen wie das auf der Einladung einen Hinter-Sinn: Erinnere Dich, so wirst Du einst aussehen! Wobei Goran Djurovics Mahnung gegen die Eitelkeit nur fast trifft: Das da am Stundenglas steht doch echt elegant-lässig. Das muss man erst mal draufhaben!

Wo wir gerade bei dem Bild sind – es steht übrigens auf einer Staffelei hier in der Ecke – kann ich mir nicht verkneifen auf die enge Verzahnung von Kunst und Antiquitäten hinzuweisen, die wir in diesem schönen Raum erleben: Der Spiegel, vor dem die Maus ihr Tagebuch zu schreiben beginnt, steht fast genauso hier vorne auf dem Tisch. Nur der vor der Maus hat einen runden Fuß, wohingegen der Haug’sche Spiegel auf einem Kasten die Schönheitsfrage erwartet. Als ich Goran Djurovic gestern fragte, ob man das ummalen könnte, meinte er spontan: „Ja, das könnte man!“ Aber noch bevor ich mich freuen konnte ob dieses gelungenen Vorschlags, fügte er trocken hinzu: „Wenn man wollte…“

Diesen sehr spröden Humor, diese satirische Distanz – das ist es, was die meisten Bilder so ansehenswert macht. Sehen Sie sich einmal diese langen dünnen Männer an mit ihren kleinen Köpfen und den Vogelschnäbeln, die an venezianische Masken oder an die der Pest-Doktoren erinnern. Was strahlen die für eine Ruhe aus, was für einen Witz – und gar nicht so selten kann man, je länger man sie ansieht, doch richtig ins Grübeln und Nachdenken kommen. Und da frage ich mich und Sie: Was will man mehr? Was kann ein Künstler mehr erreichen als diese Mischung?

Zum Nachdenken braucht es natürlich etwas Zeit, und es ist die Eigenart von Veranstaltungen wie dieser, dass die gerne etwas zu kurz kommt. Deswegen möchte ich Sie einfach ermuntern, wiederzukommen und die Bilder, nach einem ersten Rundgang heute, nochmals in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Sie werden Dinge sehen, die Sie beim ersten Mal glatt übersehen haben. Sie werden beispielsweise unter den 24 Bildern hinter mir eins sehen, wo ein gebeugter Mann das Brandenburger Tor auf Händen trägt. Vielleicht haben Sie so was schon einmal auf alten Werken gesehen: Da trägt ein Schutzpatron seine Stadt. Oder Sie werden sich erfreuen am Heiligen Georg, der hier zweimal zwölffach nebeneinander seinen Kampf für die Gerechtigkeit ausficht. Oder Sie werden feststellen, dass diese ehrenwerte Gesellschaft Sie eigentlich an ein Golf-Team um die Jahrhundertwende erinnert und sich fragen, wo denn die Golfschläger sind? Sie werden, mit einem Wort, merken, dass das hier mehr sind als Bilder für den Augenblick. Und wenn Sie dann das Gefühl haben: Da möchte ich ganz lange draufsehen – geben Sie diesem Gefühl nach. Die Preise stehen, klein aber gut lesbar, an der Rahmenseite.

Vielen Dank.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Bilder von Goran Djurovic 10. Oktober 1999 bei Antiquitäten und Kunst, Ladbergen

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