Die höheren Weihen sächsischer Mathematik

Mit der „Kurort Rathen“ die Sächsische Weinstraße entlang

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Heute haben wir in unserer Sonntagsschule „Sächsische Mathematik“. Das ist ein ganz seltenes Fach, und es wird nur an Bord des Dampfschiffes „Kurort Rathen“ gegeben. Das haben wir nämlich betreten, um einen ganzen Sonntag lang die Schönheit der Elbe zwischen Dresden und Meißen nebst den rechtselbisch gelegenen Weindörfern Diesbar und Seußlitz zu genießen.

Um neun Uhr legt das Schiff (manchmal auch ein anderes, aber wir hatten dieses) am Dresdner Terrassenufer ab. Linie zwei, Sächsische Weinstraße. Stromab über Radebeul (eigentlich: Kötzschenbroda, aber das gehört zu Radebeul), Meißen und Diesbar bis Seußlitz sind es exakt drei Stunden: Wer mit dem Dampfschiff unterwegs ist, hat zwar ein Ziel – aber vor allem den Weg!

Die erste Irritation bei den halbwegs geografisch firmen Passagieren ist wie ein Schreck in der frühen Morgenstunde: Das Schiff legt ab und dampfert in aller Seelenruhe Richtung Pillnitz – elbaufwärts statt flussab! Macht das der Kapitän, um den Fotografen die einmalige Kulisse der Brühlschen Terrasse zu bieten? Naja, ganz ehrlich: Eigentlich ist das nur der ganz alltägliche Kampf mit der Elbe. Die braucht nämlich sowohl eine gewisse Breite wie auch möglichst über diese Breite eine gewisse Tiefe, damit das Dampfschiff drehen kann. Denn immerhin ist so ein Schaufelraddampfer wie die Kurort Rathen ziemlich lang.

Wie lang genau? Bildungshungrig und immer darauf bedacht, den Lesern von „trialog“ nur die erstklassigsten Informationen zukommen zu lassen, wählen wir den Weg der einfachen Recherche und lesen das sauber polierte Schild mit den technischen Daten im Schaubereich der Maschine: 55 Meter 76 steht da.

Während wir, sehr zur Beruhigung der Irritierten unter den Reisenden, nun wirklich stromab schaufeln und der Kapitän obendrein alle „auf der Fahrt nach Meißen, Diesbar, Seußlitz“ ganz lieb begrüßt, finden sich weitere Informationsquellen: Zum Beispiel ein Blatt, das die Geschichte des Schiffes übersichtlich zusammenfasst. Man lernt, dass es 1896 gebaut wurde, damals „Bastei“ hieß und bei einem Tiefgang von lediglich 46 Zentimetern 612 Passagieren Platz bot. Außerdem wird der tragische Tod zweier Besatzungsmitglieder in früher Zeit erwähnt, wobei den einen der Blitz traf und der andere ohne Nennung von Details über Bord ging und in den kalten Fluten der Elbe ertrank. Außerdem erfahren wir, dass das Schiff 55 Meter 52 lang sei.

Mit der Erkenntnis, dass offensichtlich alles relativ ist und nicht nur die Theorie des Herrn Einstein, begeben wir uns an Deck, um Dresden an uns vorbeifahren zu lassen. Eigentlich bewegen ja wir uns mit dem Schiff, aber mit unseren neuesten Erkenntnissen zur Relativitätstheorie formulieren wir das einmal passagierzentriert so, wie es ist: Erst schiebt sich die bereits erwähnte Kulisse der Brühlschen Terrasse an uns vorbei. Schon jetzt wirkt die Frauenkirche auf die Kulisse ein – eingerüstet, aber erkennbar majestätisch. Dann Schloss und Hofkirche, die Semperoper, der Landtag. Am anderen Ufer das Japanische Palais, dann die ersten Dresdner Dörfer: Mickten, Pieschen, Briesnitz. Da es Sonntagmorgen ist, hält sich die Betriebsamkeit auf den Straßen in argen Grenzen. Eine Brünette im grünen Bademantel genießt die Sonne dieses Sonntags am Fenster ihrer Wohnung. Ein netter Anblick, finden die Passagiere, und auch der Kapitän kann es sich nicht verkneifen, Dampf abzulassen. Da tuuuuuhtet das Schiff, die Passagiere grinsen, die Dame winkt. Idyllische Romantik, und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen soll: Wie eine Reise in die Vergangenheit mutet an, was sich da bei öffnendem Elbtal offenbart. Schafe grasen das Gras kurz, Kühe (mit Kälbchen, wie im Film) weiden unter schattigen Weiden, Kinder baden in der Elbe und schreien ihr Bibbern raus, winken sich warm. Ein Floß huscht vorbei, und im Hintergrund rechterhand sieht man die ersten Weinberge.

„Kurort Rathen“ in Höchstform: Der Strom fließt mit gut fünf Stundenkilometern dahin, das erhöht die eigene Geschwindigkeit, mit pfeilschnellen 25 Stundenkilometern nähern wir uns Meißen. Einige gehen, andere kommen, wir bleiben: Seußlitz oder (nur wenige Meter davor) Diesbar sind zwar nicht so bekannt, lohnen aber die weitere Reise. Für viele der Einheimischen an Bord, die das Schiff wie ein ganz normales Transportmittel nutzen, ist das Ziel am Anleger schnell definiert: Sowohl in Diesbar als auch in Seußlitz gibt es Gaststätten, die schon lange einen Namen haben. Keine Edelküche, aber im Frühjahr ausgezeichneten Spargel (in Diesbar wächst, wie in so vielen anderen Gegenden Deutschlands, der beste!) und ansonsten Winzerkost und immer akzeptable Weine der Gegend zu sauber kalkulierten Preisen. Zwei Stunden Aufenthalt in Seußlitz reichen neben dem Mittag in Lehmanns Weinstube – einer Institution wie Vincenz Richter in Meißen sogar noch zu einem kleinen Spaziergang zum Schloss. Wer länger spazieren will, muss auf die Rückfahrt mit dem Schiff verzichten und den Bus oder das Taxi nehmen.

Wir nahmen das Schiff. Gegen die Strömung dauert‘s zwar länger, aber das Nachmittagslicht verleiht der Landschaft eine andere Stimmung. Die Behäbigkeit des langsameren Vorankommens findet ihren Gegenpart bei den gesättigten Passagieren, und die eiligen Weinproben an Land machen sich auch bemerkbar. Die fleißige Bordgastronomie ist drauf eingestellt und bringt gegen die Müdigkeit neben Kaffee und Kuchen auch gerne Wein – man soll ja Gleiches mit Gleichem bekämpfen…

Halb dösend die Nachmittagssonne genießend ist es Zeit, sich Prospekten zu widmen und auf Erkundungsgängen sich mit letzten weißen Flecken an Bord auseinanderzusetzen. Und siehe da, es ereilen uns die höheren Weihen sächsischer Mathematik. Denn zu den zwei sowieso schon konkurrierenden Längenangaben aus der Vormittagsrecherche gesellen sich zwei neue hinzu: 57 Meter 10 verkündet der Prospekt, und eine Zeichnung der Laubegaster Werft, in der die Kurort Rathen 1993 komplett überholt und technisch wie optisch auf Vordermann gebracht wurde, weist 55 Meter 66 aus. Da hat man doch bis Dresden genug Stoff zum Nachdenken…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 3/2000
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