Superlative und tolle Saucen

Steiger

Es ist schon faszinierend, wie sehr das Alte manchmal nachwirkt: „Da wo früher das Szeged war!“ sagen die Leute, wenn sie den Gastronomiekomplex gleich neben dem Stadtmuseum meinen – und erstaunlicher Weise tun es nicht nur die Alten, die sich vielleicht an sehr schöne Stunden im ungarischen Restaurant erinnern, obwohl das 1962 eröffnete Szeged schon Anfang der 90er Geschichte war. Seitdem haben die Räume Wechselvolles erlebt, und ohne ins Detail gehen zu wollen kann man wohl vermuten, dass alle gescheiterten Betreiber mit einem Superlativ zu kämpfen hatten: Die größte Gaststätte Dresdens zu sein!

420 Plätze drinnen und bei entsprechendem Wetter weitere 500 draußen wollen erst einmal besetzt sein. Seit gut einem Monat läuft als „Steiger am Landhaus“ der nächste Versuch – und er hat das Zeug, erfolgreich zu verlaufen. Sebastian Matthes hat als Wirt Erfahrung im „Augustiner an der Frauenkirche“ gesammelt – und er hat ein viel Versprechendes Konzept: Erlebnisgastronomie definiert er schlicht als „Erlebnis von essen und trinken in harmonischer Atmosphäre“. Das Thema Bergbau ist zwar unübersehbar (von der Lore im Eingangsbereich über einen Steiger vor den Gasträumen im Obergeschoss bis zu den Bildern an den Wänden und Raumbezeichnungen wie „Kaue“ oder „Sohle 1“), aber insgesamt doch nicht aufdringlich. Und dass es auf der Karte ein durchaus süffiges Schwarzbier „Schwarzer Steiger“ gibt, ist nachgeradezu Pflicht.

Zum Bier (diesem und zwei anderen Schwarzen sowie vier Hellen vom Fass und einem der feinsten Alkoholfreien aus der Flasche) gibt es das passende Essen: Brauhausessen in den bekannten Varianten. Alles andere hätte uns ja auch enttäuscht, also schaun mer mal, wie die Klassiker gereicht werden! Bevor die kommen, wird allerdings erst einmal Brot (Dunkles wie Helles) mit Schmalz an den Tisch gebracht – eine nette Einstimmung.

Wir starten klassisch mit Sächsischem Würzfleisch, das stilecht mit jener Sauce serviert wird, die der Engländer so ganz anders ausspricht als sie sich schreibt. Unter der Käsekruste Hühnerfleisch, das den Zusatz „Würz“ verdient hat, über der Kruste ein ordentliches Stück Zitrone: Wir löffelten zufrieden. Auch der kleine Salat als andere Vorspeise überraschte positiv, denn erstens hieß er nicht nur knackig sondern war es auch und zweitens regte das Dressing mit seiner leicht kräutigeren Säure den weiteren Appetit gerade richtig an.

Die gute Stimmung hielt an bei „Deftigem Schwarzbiergulasch mit Kräuterkarotten und Böhmischen Knödeln“ und vor allem bei der „Steiger-Pfanne“, deren Bestandteil „deftige Bratensauce“ sich mit den gebratenen Klößen extrem gut vertrug. Die ursprünglich von uns argwöhnisch beäugte Kombination aus Haxen- und Entenfleisch gefiel, weil beides schön kross und erfreulich mürbe war.

Zum Abschluss überraschte das Bergstollen-Parfait – auch wegen der bezaubernden Optik!

Steiger am Landhaus
Wilsdruffer Str. 4-6
01067 Dresden
Tel. 0351 / 4828970
www.steiger-dresden.de

geöffnet täglich von 10.00 bis 01.00 Uhr (Biergarten 11-23)

[Besucht am 7.10.2011 | Veröffentlicht am 13.10.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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