Bluesige Geschichten eines Szeneviertels

Biggs Jackson (l) | Anton Launer (r)

Ich habe ja keine Ahnung von der Neustadt. Wohne nicht nur auf der anderen (die Neustädter sagen: der falschen) Elbseite, sondern auch noch in einem dieser Dresdner Dörfer, die mit „Alt“ beginnen. Was für ein krasser Gegensatz zur  Neustadt, die eine Weltreise mit zweimal umsteigen auf der anderen Elbseite (die Hiesigen sagen: der falschen!) liegt. Ganz anders der Anton. Der heißt nicht nur Launer, sondern kennt sich zwischen Alaunstraße und Görlitzer Straße, zwischen Böhmischer Straße und Bischofsweg aus wie in seiner Westentasche,  und das schon seit immer. Wobei immer kurz vor der Wende begann und auch nicht aufhörte, als sich der journalistische Ziehvater vom Anton quasi familienhaussegensbedingt aus der Neustadt verabschiedete und just in das Dresdner Dorf zog, das auf der anderen Elbseite liegt und so heißt wie das des Herrn Stip – nur ohne Alt davor. Aber der Anton und sein Ghostwriter sind ja auch jünger: Am Nikolaustag geboren, feierte Anton Launer in diesem Jahr seinen schnapszahligen Geburtstag in der Zille –mit einer Lesung von Kneipengeschichten und mit Musik.

Kneipengeschichten sind in der Dresdner Neustadt Alltagsgeschichten, denn Kneipen gibt es reichlich (mehr als 200, Zusammensetzung häufig wechselnd), und wenn Anton Launer als Chronist der Neustadt in den Erinnerungen kramt, ist das immer wie ein Stück oral history: Momentaufnahmen, manchmal etwas verklärt, eigentlich immer etwas verliebt ins Viertel – aber dennoch mit feiner ironischer Distanz und einem Augenzwinkern notiert. Die so notierten flüchtigen Momente, die sich so nie wiederholen lassen, sind wertvolle Momentaufnahmen, an die man sich dank zweier Publikationen (Anton auf der Louise, 2014 sowie Anton und der Pistolenmann, 2016) selbst zurückerinnern kann. Oder, wenn man nicht dabei war, über die man sich ein hübsches Bild aus den wilden Tagen der Wende und den Änderungen im Viertel in den Jahren danach machen kann.

Während Bücher was fürs stille Kämmerchen (oder für den Lieblingsplatz unterm Tannenbaum!) sind, war das Geburtsttagsständchen, was Anton Launer dem Jan Frintert beschied, eher so etwas wie ein kleiner Blick hinter die Kulissen. Anton Launer liest (mit oft rauschigem Mikrofon, aber das sollte die gute Laune nicht verderben), der Blues-Rocker Biggs Jackson sang und gitarrisierte. Tolle Stimme, schöne Liedauswahl, erstaunlicherweise immer ohne Rauschen im Mikro. Insgesamt ein schönes Konzept, diese bluesigen Geschichten eines Szeneviertels. Nicht nur am Geburtstag, zu dem wir hier ausdrücklich gratulieren!

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