Chenin, Pinotage und Spatzendreck

Auf ein Glas, Folge 163: Nora Thiel, Weingut Delheim, Südafrika

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Aus Fehlern kann man lernen, und wenn man’s danach richtig macht, sogar damit kokettieren. Das Weingut Delheim im Herzen des südafrikanischen Weinbaus in der Region Stellenbosch hat so eine Geschichte: Spatzendreck ist der Name eines ihrer Weine – weil der junge Weinmacher Michael Sperling, den sie alles Spatz nannten, an einem Sonntagnachmittag im Jahr 1961 einigen Freunden voller Stolz seine neue Weinkollektion präsentieren wollte – und auch nicht stutzig wurde, als einer der Weine, nun ja: untypische Farbtöne hatte. Ausgerechnet der aus Tank Nummer 13 – aber egal:  eingeschenkt und probiert. Eine Freundin rief entsetzt aus: „Aber Spatz, das ist jetzt wirklich Dreck”! Und schon hatte der Wein seinen Namen weg – mit passendem Etikett kackender Spatz auf Weinfass: das reichte für den vom Decanter 1971 verliehenen Ehrenpreis „worst label of the year“. Delheim heißt das Weingut in Stellenbosch, in dem der Spatzendreck erfunden wurde – und noch heute ab Hof im Angebot ist. In besserer Qualität, wie Nora Thiel mir verriet. Sie ist die Tochter jenes Michael „Spatz“ Sperling, und ich traf sie zum Podcast mit einigen bemerkenswert guten Weinen. Unsere Podcast-Folge haben wir in der Wein- und Champagnerbar von Gerd Kastenmeier aufgenommen – Danke für die Gastfreundschaft. Und noch ein Hinweis: Nora hat hin und wieder kurz Afrikaans und Englisch gesprochen. Haben wir drin gelassen, denn mit etwas Anstrengung versteht man das doch auch 😉

PODCAST

Das Weingut Delheim ist 100 Hektar groß – für Südafrika ein eher kleines Weingut, mit einer Vielfalt von 15 Rebsorten, aus denen 24 Weine entstehen, von Chardonnay über Sauvignon Blanc bis Merlot und Cabernet. Der Vorteil: man jagt nicht Trends hinterher! „Wenn Chardonnay aus der Mode ist, haben wir Chenin Blanc oder Riesling“, erklärt Nora. Die Philosophie ihres Vaters prägt dabei noch heute das Handeln: „Gute Weine zu fairen Preisen.“

Nora ThielDie Wurzeln von Delheim liegen in Deutschland. Noras Vater Michael kam 1951 als 20jähriger nach Südafrika. Er hatte zuvor in Klotzsche gelebt, weswegen auch Nora noch eine ganz besondere Verbindung nach Dresden hat. Aus dem Landgut, das Michael „Spatz“ Sperling vorfand, machte er in den 1950er Jahren ein Weingut – ohne Fachausbildung, nur mit viel Lesen und dem berühmten Versuch-und-Irrtum – Spatzendreck inklusive. Aber es kamen auch schnell Erfolge: 1960 produzierte Delheim einen der ersten kommerziellen Pinotage-Rotweine – jene einzigartige südafrikanische Kreuzung aus Pinot Noir und Cinsault (Hermitage), die 1925 in Stellenbosch gezüchtet wurde. 1971 gründete Sperling mit zwei Freunden die Stellenbosch Wine Route, die Touristen anlocken sollte (und es auch tat). 1976 folgte das erste Weingut-Restaurant Südafrikas: Begonnen mit Käsebroten und frischem Brot der Mutter, heute ein vollwertiges Haus, geöffnet 362 Tage im Jahr. „Früher fuhren sie nach Stellenbosch zum Essen – und wir verloren sie“, lacht Nora.

Podcast NoraDas sind die probierten (und besprochenen) Weine:

  • 2025 Dry Pinotage Rosé
  • 2025 Chenin Blanc
  • 2024 Chenin Blanc, Wild Ferment
  • 2023 Pinotage
  • 2021 Grand Reserve
  • 2022 Edelspatz, Botrytis Riesling

…und das sind unsere Themen:

  • [00:43] heute aus der Kastenmeier-Bar, unser Gast kommt aus Südafrika
    Nora Thiel – spricht afrikaans mit uns!
    Afrikaans ist 100 Jahre alt als offizielle Amtssprache. So wie auch ihr Pinotage!
    Nora ist nicht Winzerin (aber die Tochter von Winzern!)
    auf der Weinfarm groß geworden und natürlich von klein an mitgearbeitet
    sie hat business economics (Betriebswirtschaft) gelernt
    auch der Vater war kein gelernter Winzer!
    sie macht seit 1991 Verkauf, Export…
    erst seit 1991 dürfen sie exportieren
    Name des Weinguts. Delheim – ein schöner deutscher Name
    die Tante Del bekam mit dem Mann die Farm 1938 als Hochzeitsgeschenk…
    es war damals kein Weingut, mehr eine Anlage in Land
    ihr Vater kam 1951 dazu…
    der Vater hatte in Dresden gelebt
    die ersten Weine in Delheim wurden in den 50er Jahren produziert
    …ohne Winzer, nur der Vater mit dem Lehrbuch
    wir heißen mit Nachnamen Sperling, wie der Spatz. Und so haben ihn die Leute kennengelernt: Spatz (obwohl er Michael hieß)
    eine sehr direkte Freundin aus den Niederlanden meinte: Spatz, dieser Wein schmeckt wie Dreck!
    aber für ’ne Story reichte es: der erste Wein hieß Spatzendreck!
    das Etikett mit Vogel auf dem Fass, der seinen Dreck hinterlässt, wurde 1972 hässlichstes Etikett der Welt
    so einen Spatzendreck-Wein gibt’s immer noch (aber nur ab Hof)
    Gesondheid!
    Kindergartendeutsch… Wenn der Vater unzufrieden war, hat er deutsch mit den Kindern gesprochen!
    Sebastian Wilkens sitzt am Nebentisch – für den Importeur Schlumberger
  • [10:10] Sonnenschein im Glas: Pinotage Rosé, schon Jahrgang 2025
    geerntet im Januar
    Pinotage ist die Sorte aus Pinot Noir (Spätburgunder) und Hermitage
    gezüchtet in Stellenbosch („direkt um die Ecke von uns“ )
    1925 gezüchtet, aber sie waren 1960 eine der ersten, die es kommerziell abfüllten
    in den 1970ern kam die Idee: was können wir mit dem vielen Rotwein in Südafrika machen?
    (inzwischen gab’s auch einen – deutschen – Kellermeister)
    der Otto aus der Pfalz meinte: probier doch mal Rosé!
    1976 die ersten in Südafrika, die aus Pinotage Rosé gemacht haben
    damals süß mit 25g Restzucker
    ein Ladies-Wein – erst 2002 die Restsüße runtergebracht
    der hier hat 4,5 g RZ – „Südafrika trocken“ ist alles unter 5 Gramm!
    zum Pinotage kommt noch ein Geheimnis…
    Regeln in Südafrika: zu 75% muss drin sein, was drauf steht – in de EU sind das 85%. Und so halten sie es
    deswegen bin ich in Dresden: ihr trinkt pro Person ein bisschen mehr als in Südafrika!
    seit 1971 kann man in Stellenbosch das Weinmachen studieren
    lebenslustig Wein quer durch die Welt probieren
    mit Pinotage haben wir was Besonderes, was eigenständiges im Glas
    wir sind eigentlich klein: 100 ha (das ist nicht groß in Südafrika)
    große Vielfalt: 15 Rebsorten
    daraus entstehen viele verschiedene Weine („ich finde das schön“)
    mit der Vielfalt können wir überleben – sind nicht abhängig von Trends
    Weine, die nicht gut genug seind, füllen wir nicht ab (aber in guten Jahren schaffen es 99 %)
    Ziel: gute Weine zu fairen Preisen
    und was ist mit dem eigenen Restaurant auf dem Weingut?
    1971 hat der Vater mit Freunden die Stellenbosch Weinroute initiiert
    am Anfang waren es wenig Weingüter (Nora sagt 14, die Webseite sagt 11)
    aber zur Mittagszeit mussten immer alle zurück nach Stellenboisch – was keine gute Idee war für die Weinverkäufe
    die Frau des deutschen Kellermeisters hat Brot gebacken und Käsestullen serviert!
    …so waren wir 1976 das erste Weingut mit Restaurant in Südafrika!
    was würde sie denn zu diesem Rosé essen?
    gut zu Sushi oder Thai
  • [22:32] weiter geht’s: Chenin Blanc
    am meisten angepflanzte Rebsorte in Südafrika
    Chenin früher viel für Süßwein (oder Branntwein) gebraucht
    erst die neuen winemakers kamen auf die Idee, auch guten Wein draus zu machen 😉
    zwei Stilistiken: eine mit und eine ohne Holz
    wild ferment von ganz alten Reben
    im Glas: der aus dem Stahl, Jahrgang 2025
    lieber Trauben früher lesen, damit sie nicht über 13,5 %alc kommen!
    über Wasser (in Form von Eiswürfeln) im Weinglas…
    …und über Cola in Wein!!!
    im Glas: „mein favourite Weißwein im Moment“
    trocken, mit bisschen Holz, im Beton-Ei spontan gegärt
    und mit Korken, damit er länger in der Flasche reifen kann
  • [34:13] im Glas: Pinotage
    „der verkauft sich so gut, dass wir schon den 23er anbieten“
    100 Jahre Pinotage
    2001/2002 gab’s Probleme mit der Qualität – was Leute abschreckte
    die Uni Stellenbosch half bei der Fehlersuche!
    der Blick nach Australien „heavy süße extrahierte alkoholreiche Weine als Trend“ war wohl nix
    Probier den mal, den kann man trinken!
    Glühwein? Gibt’s in Südafrika „nur bei uns“ (nicht nur als dankbare Zweitverwertung…)
    es gibt verschiedene Pinotage-Stile – sie sind auf der Pinot-Noir-Seite
    der Delheim-Stil: europäisch. Elegant, nicht zu viel Holz, das Terroir schmecken
    so gewinnt man allerdings keine Preise 😉
  • [42:08] im Glas: 2021 Grand Reserve
    ein Wein, den sie seit 1981 im Programm haben
    aus kleinen Barriques (sie waren mit die ersten, die das machten in Südafrika)
    immer Cabernet-Sauvignon-lastig
    zur Cuvée kommen – je nach Jahrgang – Cabernet Franc, Merlot, Malbec, Petit Verdot
    aber immer 18 Monate Barrique – und immer ein Wein, den man 20-30 Jahre lagern kann
    gibt’s noch alte Jahrgänge auf dem Weingut? Zu wenig!
    der hat Medaillen und schmeckt trotzdem!
    Verabredung für in zehn Jahren zum Probieren
    als Geburtstagswein: time in a bottle
    wir reden über Preise
  • [49:15] und nun: ein Botrytis-Riesling
    Riesling in Südafrika: nur noch 190 ha (waren mal 1.000)
    sie haben 5 ha Riesling
    zwei Rieslings machen sie: einen zum Spaß mit Christoph Hammel aus der Pfalz
    1985 war Hammel Praktikant bei Delheim
    Staying Alive ist das geworden
    der zweite Riesling mit edelfaulen Trauben
    vom ältesten Riesling-Weinberg in Südafrika (seit 1984)
    seit 1979 machen sie den Edelspatz – als Gegenpol zum Spatzendreck…
    das war damals Chenin Blanc, aber in der jüngeren Zeit ist es Riesling
    passt natürlich zum Nachtisch, aber Austern gingen auch 😉

Delheim Wines
Knorhoek Road (off the R44)
Stellenbosch
7600
Republic of South Africa

Tel: +27 21 888 4600
delheim.com

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Auf ein Glas – der Podcast der STIPvisiten. Gespräche beim Wein. Über Wein. Über Essen. Und übers Leben, natürlich.

Alle Folgen unter diesem Link: podcast.stipvisiten.de

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