Zwischen Tiefgang und Klamauk

Peter Förster

Neben der Kasse steht Mephisto. Doch die Leute denken: das ist sicher der Stuhl-Boy, der noch mal schnell nachlegt, wenn’s voll zu werden droht. Und auch beim Mann an der Kasse irren sie sich, denn er ist nicht nur der Kassierer. Eher so eine Art Shakespeare von Dresden, obwohl das natürlich ein wenig übertrieben wäre. Aber irgendwie auch wieder nicht, denn was Peter Förster in der Kulturstadt Dresden treibt, ist schon ungewöhnlich und bemerkenswert: Er macht Theater (das machen andere auch), aber es wird nicht subventioniert (die von der Semperoper jammern schon, wenn sie mal eine halbe Millionen weniger bekommen).

Peter Förster ist: Kassierer, Organisator, Stückeschreiber, Regisseur – mindestens. Er hatte einen verxingten Club von Marketing-Menschen auf einen Schwatz eingeladen, und er erzählte – nicht ganz ohne Grund – „erst einmal“ etwas über seine Laufbahn. Er erzählte und erzählte und erzählte – und überschlägig kam dabei heraus, dass er etwa 124 Jahre alt sein müsste, um das alles geschafft zu haben. Ist er aber nicht: Geboren ist er 1965 in Dresden. Im zarten Alter von 22 arbeitete er in der sicherlich spannenden Zeit von kurz vor bis kurz nach der Wende am Dresdner Theater der Jungen Generation in der Abteilung Dramaturgie und Öffentlichkeit.

Nun zitiere ich mal aus dem 2003er Programmheft des Goldenen Spatz: „1989 gehörte er zu den Mitbegründern des DIALOGtheaters Dresden und leitete es bis 1994. In dieser Zeit studierte Peter Förster an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und war außerdem als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig.“ Er machte Filme (erfolgreich: Sächsischer Fernsehpreis 1998), war als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig engagiert und schrieb 2001 „Der Jahrhundertfall – Kindermörder Bartsch“ für das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen.

Alle Mann an Bord. Inklusive der FrauenUnd dann kam die Idee des Sommertheaters, das seit 2004 im Bärenzwinger – einem legendären Dresdner Studentenclub – eine wachsende Schar von Zuschauern in den Bann zieht. Es ist Dresdens einziges Open-Air-Theater, das unter einem Dach spielt. Weil der Hof des Bärenzwingers überdacht ist, trotzt die Company dem Regen! Aber das eigentliche Geheimnis des zunehmenden Erfolgs ist: Shakespeare. Denn der hatte (auch wenn die meisten SchülerInnen das heute im Unterricht kaum wahrnehmen) Stücke fürs Volk geschrieben und mit seiner Company im Londoner Globe Theatre aufgeführt. Nun ist, bei allem Respekt, Förster nicht Shakespeare, weswegen Schüler oder Studenten auch keine Angst vor ihm haben müssen. Aber seine Texte und die Inszenierungen balancieren gerade richtig zwischen Tiefgang und Klamauk, um ein sehr gemischtes Publikum zu unterhalten (und, ganz im klassischen Sinne, zu belehren: Dümmer wird man nämlich nicht, wenn man mit den Anspielungen klar kommt).

Wagner ist klammDie Stücke spielen seit Jahren mit den Titeln der Vorbilder und heißen immer „Ein Shakespeare von…“ – und statt der Punkte dann ein Klassikername. Dieses Jahr: Wagner. Der fliehende Holländer. Ganz dolle Wagnerianer werden die Musik vermissen, ganz dolle Wagner-Gegner darob entzückt sein. Für alle dazwischen: Mephisto, der Stuhl-Boy von der Kasse, ist ausgebildeter Sänger und darf auch einige Takte baritonisieren. Womit wir bei der Company wären. In diesem Jahr drei Damen und zwei Herren – alle jung, alle schön, alle gut. Keine Einzelkritik (obwohl, jucken tät’s schon…), weil es eben das Ensemble ist, das Vergnügen bereitet. Und in der Pause ganz normal draußen vor der Tür steht wie die Zuschauer auch: rauchend, scherzend. Nur das Glas Wein oder die Flasche Bier – die gönnen sie sich erst nach dem Schlussbeifall…

Sommertheater Dresden
täglich von Dienstag bis Sonntag, jeweils 20:00 Uhr
noch bis 12. September 2010

Einlass ab 19:00 Uhr · Beginn 20:00 Uhr · Eine Pause · Ende gegen 22:10 Uhr
http://sommertheater-dresden.de

…und im Winter: http://www.kammerspiele-dresden.de

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