Abenteuer am Ort genussvollen Lernens

Besuch in der erneut ausgezeichneten WeinKulturBar

Silvio Nitzsche

„Schmeckt ja gar nicht wie Rheinhessen!“ So ein Satz, schnell dahingesagt und genau so schnell notiert, hat ja zwei Ebenen: Auf der einen lernen wir, dass „Rheinhessen“ im kollektiven Weintrinkergedächtnis, vertreten durch den Mund, der gerade einen Schluck aufgenommen hatte, wohl eher einen bedenklichen Ruf hat. Und auf der anderen Ebene lernen wir, dass es offensichtlich Ausnahmen gibt: Der Mund, der diesen Wein aufnahm, lobt ihn doch!

KnabbereiSo ist das, wenn man in der WeinKulturBar von Silvio Nitzsche sich mal wieder auf ein Abenteuer einlässt. Dieser Ort genussvollen Lernens ist soeben ausgezeichnet worden – schon wieder, sollte man sagen, denn die kleine WeinKulturBar im Dresdner Stadtteil Striesen kommt regelmäßig bundesweit groß raus. Nun wurde sie als einer von insgesamt zwölf Weinplaces ausgezeichnet – „nach ebenso profunden wie genussvollen Recherchen“, wie wir der Pressemeldung (Bullshit-Index: 0.36 – erste Anzeichen heißer Luft. Für Werbe- oder PR-Sprache ist das noch ein guter Wert, bei höheren Ansprüchen sollten Sie vielleicht noch ein wenig daran feilen*) des Auszeichners Gerolsteiner entnehmen. Gerolsteiner? Ist das nicht ein Wasser? Ja, ist es. Aber irgendwie brauchen die ja auch mal so richtig was Dolles, um ins Gespräch zu kommen – und Wasser zum Wein ist ja eh eine gute Idee.

Läuft!Zwölf Orte in der ganzen Republik, zu denen es sich hinzupilgern lohnt? Natürlich haben die Fans noch jede Menge Hinweise, wo es sich auch lohnen könnte – aber egal. Wir sind froh, einen in der Nachbarschaft zu haben, und Silvio Nitzsche, bescheiden wie er ist, meint mit sanft-ruhiger Stimme nur sehr lakonisch: Ja, das sei schön – vor allem aber auch für Dresden, denn so ein Preis strahle ja auch immer auf die Gegend. Das stimmt zweifelsohne, aber so ganz ohne sein Zutun und das des Teams – allen voran sicher Jana Weiske, die uns immer zielsicher mit einer genialen Käseauswahl versorgt, geht da natürlich nichts.

KarteRund 20 Plätze, je nach Kuschelei am Tisch und an der Theke vielleicht auch etwas mehr, gibt es in der WeinKulturBar. Das führt, bei so viel Lob von Medien und Gästen, natürlich schnell zu einer Unterversorgung. Im Klartext: Als Laufkundschaft hat man kaum eine Chance, da einen Platz zu bekommen. Ein wenig vorausschauende Planung tut also not – die Wochenenden sind bis 2016 ausgebucht, und unter der Woche ist es abends bis in den Sommer 2015 schon kaum noch möglich. Aber die WeinKulturBar macht ja um 15 Uhr auf, da könnte man ja mal nachfragen…

BegrüßungschampusWas macht den Laden so einzigartig? Alles. Die freundlichen Leute (ja, auch unter den Gästen!), das umwerfende Angebot an Wein und Käse (beides nicht gezählt, aber es reicht, um an der Auswahl zu verzweifeln), der Witz und die Stimmung, das Drumherum. Wir entdeckten bei unserem Besuch auf der kleinen grünen Tageskarte (mit 24 offenen Weinen und dem kleinen Tagessuppen- und Ess-Angebot) Wein vom Weedenbornhof. Der liegt – genau! – in Rheinhessen. Die Winzerin Gesine Roll hatten wir schon mehrfach in Dresden getroffen und auch ihren Wein gemocht – also baten wir den Herrn Nitzsche, „etwas um den einen oder anderen Wein von der Gesine zu stricken“! Und was tut dieser verrückte Kerl, der in Altdöbern („Perle der Niederlausitz“) geboren wurde und als Sommelier in den besten Häusern gearbeitet hat (unter anderem im Restaurant Dieter Müller, das drei Michelin-Sterne hat)? Er bringt zwei Flaschen in Socken. Da hat er mal schnell was gestrickt…

Sockenprobe…nämlich das muntere Spiel: Rate mal, was das ist. In der einen ein Wein „von Gesine“, in der anderen „die gleiche Traube, aber von jemand anders“. OK, eine leichte Aufgabe: Sauvignon Blanc ist das, was man auf dem Weedenbornhof besonders geil hinbekommt – den kannte ich, den schmeckte ich heraus. Den anderen verortete ich „irgendwo weit weg“ und dachte an Neuseeland oder so. War aber ein Kalifornier. Wieder was gelernt, wenn auch erst nach dem Lüpfen der Socken! Es kamen noch andere Sockenweine, bei deren weinakademischer Erkennung wir kläglich versagten und nichtsdestotrotz richtig viel Spaß hatten. Einmal gab’s den unfairen Wettkampf Weedenbornhof vs. Weedenbornhof, da hätte ich den einen erkennen müssen (weil ich den Blanc de Noir schon mal probiert hatte und auch sehr mag!) – aber ich litt unter akuter schwarzer Sockenverwirrung und fand das Zeuchs alles nur leggor, wie der Sachse gerne sagt. Und beim Cabernet Sauvignon (2009 vom Weedenbornhof, 2012 Valle Central, Chile) haben wir’s gar nicht erst versucht. Erkenne Deine Grenzen!

BlindprobeNicht viel anders erging’s dem Kollegen, der sich ein „Wundertütentasting“ bestellt hatte und drei rabenschwarze Gläser bekam, in denen schon eine Flüssigkeit vor sich hindümpelte. Hier trank das Auge überhaupt nicht mit, wir waren uns nicht mal sicher, ob das wirklich (wie gewünscht) Rotweine waren. Der eine roch so gaaaanz anders, frag mich nicht. Erwartungsgemäß kamen wir nicht wirklich weiter und hatten nur den einen Erkentnisgewinn: im richtigen Weinglas sieht’s nicht nur besser aus, sondern der Wein schmeckt auch gleich ganz anders.

Käse und WeinOb das bei Käse auch so funktionieren würde? Wahrscheinlich, aber das haben wir gar nicht erst probiert. Wie immer fuhr Jana Weiske etliche Beilagen zu den Käsehäppchen auf – das Grundprinzip ist meist: da gibt’s eine Grundzutat A und dann einen Gegenspieler B, so dass dann A fast so wie B schmeckt. Aufregend. Wie man die sechs Beilagen mit den zwölf Geschmäckern sinnvoll an die (bei uns an diesem Abend) zweimal sechs Käses bringt und am schlausten kombiniert – das ist eine Aufgabe, die zu lösen wir Theoretikern überlassen. Wir machen das nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch. Und der kommt zu erstaunlich guten Lösungen!

* Der Bullshit-Index ist derzeit eins meiner Lieblingsspielzeuge. Einfach auf der Seite einen Text ins entsprechende Feld kopieren und sich freuen. Es gibt Werte zwischen 0 und 1, je mehr Null, desto weniger Phrasendreschmaschinendeutsch kommt drin vor. Dieser Text hat übrigens einen Bullshit-Index von 0.09 („Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch).

WEIN | KULTUR | BAR
Wittenberger Str. 86
01277 Dresden Striesen

Tel.: 0351/3157917
www.weinkulturbar.de

Geöffnet:
Dienstag bis Samstag 15.00 bis mindestens 23.00 Uhr
Reservierung, auch langfristig, dringend empfohlen

[Zuletzt besucht am 15. April 2014 | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Wegbeschreibung berechnenAls KML-Datei für Google Earth/Goolge Maps exportierenStandalone-Karte im Vollbild-Modus öffnenQR Code-Bild für Standalone-Vollbild-Kartenlink erstellenAls ARML für Wikitude Augmented-Reality Browser exportieren
WeinKulturBar

Karte wird geladen - bitte warten...

WeinKulturBar 51.044170, 13.797080 Alle Beiträge zur WeinKulturBar in den STIPvisitenWeinKulturBar, Wittenberger Str. 86, Dresden, Deutschland (Routenplaner)

Mehr lesenswerte Beiträge

  • Immer mehr als einen WeinImmer mehr als einen Wein Manchmal lohnt es sich zu planen: Für Spontanbesuche ist die Wein | Kultur | Bar von Silvio Nitzsche zumindest am Wochenende nämlich nicht geeignet: Das […]
  • Die Hoheiten und die AmeisenDie Hoheiten und die Ameisen Es gibt Fremdwörter in der deutschen Sprache, denen hört man es auf Anhieb nicht an. Schlaf ist so eins – zumindest für die vielen Ameisen hinter der Bühne, […]
  • Der Kiez im Wohnzimmer zu GastDer Kiez im Wohnzimmer zu Gast So ein Wohnzimmer ist ja letztlich auch nur eine Küche. So eine, in der sich bei einer Party die Gäste drängeln, weil es da gemütlich ist und so schön […]
  • Nichts ist beständiger als der WechselNichts ist beständiger als der Wechsel Die Weinbar mit der Adresse Bischofsweg 17 in Dresden hat ein bewegtes Leben. Dabei ist sie noch gar nicht so alt – aber wer dort nur ab und zu mal hinging, […]
  • Nah dran und doch weit wegNah dran und doch weit weg Als er, sagte Sommelier Jens Pietzonka, neulich bei Matthias Hey den Weinberg hochgestapft sei, da sei ihm klar geworden: Auch bei Naumburg gibt es Steillagen! […]
  • Wie Kinder den Krieg erlebtenWie Kinder den Krieg erlebten Wie es denn so sei, zusammen an einem Projekt zu arbeiten, wollte jemand wissen in der Bibo Dresden bei der Buchpremiere von Yury und Sonya Winterbergs "Kleine […]

1 Kommentar

  1. Trotz Wundertüte hatten wir ja die Wahl: „Soll’s was Schönes sein? Oder nicht so schön?“ Sylvio Nitzsche bietet beides so, dass das Wunder dann auch noch schön wird. Spannend!

1 Trackback / Pingback

  1. Nichts ist beständiger als der Wechsel | STIPvisiten

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*