Willkommen zur Ausstellung „Ausgang“ mit schwarz-weiß Fotos von Michael Schreiber!
„Nicht lang schnacken – Kopf in’n Nacken!“, sagt man ja gerne in norddeutschen Kneipen. Aber wir sind ja hier weder in Norddeutschland noch in einer Kneipe, sondern im Weinselig von Jens Göbler, und da geht es ja nicht um Köm und andere Kurze, die man aus vielerlei Gründen besser schnell wegkippt, sondern um ein Stück hauptsächlich französischer Trinkkultur Mitten im Hechtviertel.
In Ergänzung zum wunderbaren Spruch des sehr schlauen Sommeliers Gerhard Retter – er sagt immer: trinken bildet, saufen macht dumm! – gibt es beim Jens aber nicht nur Weine, die man je nach Temperament und Durst maßvoll oder in Maßen genießen kann, sondern auch was für die Bildung. Zum Beispiel Ausstellungen, bei denen man schon mal den Kopf in den Nacken legen muss, um sie so richtig wahrzunehmen. Ab heute – also ab gleich, nach dem Ende dieser Rede – sind es Fotos von Michael Schreiber, die man beim zweiten oder dritten Glas vielleicht einmal etwas näher betrachtet – beim ersten Glas muss man sich ja um sich und den Wein kümmern…
Michael Schreiber hat relativ früh geahnt, dass seine Eltern ihm einen nicht ganz korrekten Namen vererbt haben. Mit Schreiben hat er’s nämlich nicht so, dafür aber seit der frühen Jugend mit Fotografieren. Das ist – Sie ahnen oder wissen es – altgriechisch und setzt sich aus phos (φῶς), Genitiv photos (φωτός), für „Licht“ und graphein (γράφειν) für „zeichnen, schreiben“ zusammen. Der Fotograf ist also ein Licht-Schreiber – und genau so nennt sich der Michael Schreiber, wenn’s um seine Bilder geht.
Was wir hier sehen, erinnert an die Anfänge der Fotografie, als man noch gar keinen Farbfilm vergessen konnte – oder meinte Nina Hagen mit „mein Michael“ gar nicht diesen hier? Egal: Micha zeigt hier nur Fotografien in schwarz-weiß – es ist seine Art, die Welt zu interpretieren. Ganz ausdrücklich muss ich dazu sagen: das gilt nur für die Fotografie, als Weintrinker oder auch als Mensch ganz ohne erweiterte Attribute sieht er das Leben schon sehr bunt in seinen vielen Facetten. Und wer ihn kennt, würde sich auch nicht wundern, wenn es irgendwann einmal eine Ausstellung von Weinflaschen in einem Fotogeschäft gibt – Flaschen, die er getrunken hat, oder Flaschen, für die er das Etikett gemacht hat wie für den Grand Vin Miserable vom Château Migraine der Domaine Scharlatan. Ich habe meine letzte Flasche des 2018er Jahrgangs übrigens am 10. Februar 2025 geleert, ohne erkennbare Nebenwirkungen.
Das mit der Flasche und dem Rotwein sage ich natürlich nicht zufällig, denn Fotos vom Château auf dem Etikett gibt es hier auch zu sehen. Es ist – bzw. war – ein in der Szene bekannter Lost Place, wo man nicht so einfach reinkam. Wenn man es denn überhaupt fand – aber der Herr Schreiber ist ja pfiffig, er fand die Adresse über trickreiche Umwege mit Hilfe des Zolls heraus. Es kostete ihn dann auch eine gewisse Überwindung, da rein zu kommen – also: Überwindung eines Zauns. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Bild. Und wer mehr wissen will, muss den Künstler fragen!
Was macht den Reiz der Schwarzweiß-Fotografie aus? Eigentlich die gleichen Dinge, die schwarzweiß gedrehte Stimmfilm-Klassiker wie Metropolis oder Nosferatu immer noch anschauenswert machen: die Konzentration auf das Wesentliche. Und da spielt das Auge des Fotografen eine deutlich größere Rolle als die Technik in seinen Händen vor dem Auge. In Zeiten allgegenwärtiger Fototechnik im Taschenformat gilt das umso mehr, denn wer läuft denn da noch rum und sucht den richtigen Winkel, den richtigen Bildausschnitt, wer wartet auf den korrekten Stand der Sonne für den richtigen Lichteinfall?
Der Micha macht so was, und er fing früh damit an. Der Vater war Kammermusiker und begeisterter Hobbyfotograf. Er fotografierte mit einer Rolleiflex, also einer zweiäugigen Kamera mit einem 6×6-Film. Entwickelt wurde zu Hause im Badezimmer – und wer fotografische Prozesse kennt, der ahnt: das kann zu Spannungen führen, wenn mal einer muss. Denn in einer Dunkelkammer ist ja möglichst wenig Begängnis. Micha, Jahrgang 1955, war zehn Jahre alt, als er seine erste eigene 6×6-Kamera bekam. Die war nicht ganz so komfortabel wie Vaters Rollei, aber lieber eine Agfa Isola als gar nichts.
Man fotografiert damals im Westen – die Schreibers wohnten in Düsseldorf – gerne mit Agfa oder Filmen von Orwo: die Ostfilme aus Wolfen waren ja historisch gesehen auch Agfa, sie waren gut und preiswerter als die westdeutschen Fabrikate. Worüber man damals redete, waren so Dinge wie Körnigkeit der Filme und wie man sie beeinflussen kann. Das sind ja alles Sachen, wo man sich heute nicht mehr drum kümmern muss, aber früher, um mal dieses beliebte Wort zu nehmen, früher war ja alles viel komplizierter. Wollte man einen zarten Kinderpopo fotografieren, musste es ein feinkörniger Film sein – meist also ein unempfindlicher, wir maßen das damals in DIN. Unempfindlich = kleine Zahl, also Orwo NP15. Dazu musste natürlich genug Licht da sein, denn empfindlich waren diese Filme nicht. Wurde es draußen (oder drinnen, egal) duster, musste ein hochempfindlicher Film her – also Orwo NP27. Der hatte dann Korn, und wenn man ihn warm entwickelte, konnte man ihn auch wie einen Film mit 30 DIN belichten: doppelt so empfindlich, aber noch grobkörniger. Das mochten manche nicht, aber andere liebten es, passte es doch gut zu Industrieaufnahmen mit rauchenden Schloten.
Das Foto vom Abenteuerspielplatz aus dem Jahr 1968 ist mit einem NP27 aufgenommen, und auch die Kamera kam aus der DDR: die Pentacon F, die der damalige VEB Zeiss Ikon Dresden (später war das der VEB Pentacon) seit 1956 hergestellt hatte. So gesehen waren die ersten Verbindungen nach Dresden schon beim 13jährigen Micha da, auch wenn weder er noch sonst jemand das so richtig zu würdigen wusste, damals. Das Foto war übrigens 1968 Teil der ersten Ausstellung des jungen Lichtschreibers.
Als Beruf wählte sich Michael Schreiber etwas anderes, er studierte an der RWTH Aachen und in Düsseldorf Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik, schlug eine technische Laufbahn ein und arbeitet später im Bereich von Bildsensoren. Privat aber blieb er bei der Fotografie, nutzte dabei im Laufe der Jahre mehrere Kameras und sorgte schon während des Studiums durch passende Jobs für die wichtige Weiterbildung in der Produktion: in einem Fotolabor durfte er u. a. Abzüge für die Modezeitschrift Elle anfertigen, später war er frühes Mitglied der Online-Plattform Fotocommunity.
Von der mittlerweile doch recht großen Fotocommunity zum Schaukasten unweit vom El Horst ist ein weiter Weg. Über den Schaukasten-Schreiber hat die liebe Kollegin Katrin Koch neulich in MoPo und Tag24 geschrieben, seitdem ist der Micha ein local Hero. Die Dauerausstellung im Schaukasten ist kleiner, dafür gibt es aber einen Tisch mit Flasche und Weinglas. Angucken lohnt, angeblich will der Micha demnächst mal das Schild vom abwesenden Künstler rausnehmen und als anwesender Künstler drin sitzen.
Natürlich mit einem Glas Rotwein.
Neuerdings leistet sich der ambitionierte Fotograf auch mal, mit seinem iPhone zu fotografieren. Denn natürlich versaut einem der Einsatz von smarten Telefonen nicht die Fotos, selbst wenn die Glasscherben in den Geräten kaum mit einem Zeiss-Biotar wie an der Pentacon oder anderen hochwertigen Objektiven zu vergleichen sind. Dafür leisten die Computer in den Mobiles mit ihren Algorithmen ganze Arbeit und kitzeln auch ohne aufwändige Postproduction manch bemerkenswerte Ergebnisse heraus. Dass dabei je nach Gewohnheiten der Nutzer*innen immer noch die Toilette für die Zeit der Bildbearbeitung gesperrt ist, ist entweder die Ironie der Zeit oder eine Konstante in der Welt der Fotografie.
Rede zur Ausstellungseröffnung im Weinselig von Jens Göbler (Hechtviertel, Dresden) am 28. Februar 2026

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