Mein lieber Schwan

Elbhangfest 2013

Elbhangfest 2013

Es passiert immer am letzten Juni-Wochenende: Da findet zwischen dem Blauen Wunder und Pillnitz das Elbhangfest statt. Schon immer? Naja, fast: Seit 1991, also schon im vergangenen Jahrhundert! Ein Volksfest, das im euphorischen Schwung der Wendezeit entstand und sich im Laufe der Jahre verselbstständigt hat. Immer noch groß, aber nicht immer großartig, wie wir in diesem Jahr nach einigen Jahren der Elbhangfestabstinenz feststellen mussten.

Es beginnt mit dem leidigen Thema Eintritt. Neun Euro plus Vorverkaufsgebühr oder zwölf an der Kasse vor Ort – nur wozu? Wahrscheinlich, um das Personal zu bezahlen, dass die Armbänder kontrolliert, mutmaßte ein sarkastischer Besucher. Und um so wichtige Dinge wie Toiletten zu bezahlen – so steht es jedenfalls im Programmheft. Fragt sich dann natürlich nur, warum man dann noch 50 Cent vor Örtchen zahlen muss, doch dazu später mehr (wir wollen ja nicht gleich mit unappetitlichen Bildern beginnen).

Elbhangfest 2013Wir begannen unseren Besuch am Körnerplatz und kamen uns vor wie auf dem Weinfest in Altkötzschenbroda. Aust, Fourré, Schuh – die üblichen Verdächtigen. Nicht, dass wir da was gegen hätten, ganz im Gegenteil! Aber um Elbhangfestwinzer kennen zu lernen, musste man schon wirklich in den Hang stapfen (was wir natürlich taten). Wein auf dem Anger in Loschwitz, dazu wie gehabt auch Leckereien von der flutgeschädigten Villa Marie gegenüber, im Hintergrund die Konzertbühne: Es soll ja Leute geben, die hier begannen und endeten. Wir nicht!

Elbhangfest 2013Wir versuchten was Ordentliches auf der Loschwitzer Elbhang-Fressmeile entlang der Drei-F-Straße zu ergattern und waren mit unserem Langos nicht unzufrieden. Parallel dazu auf der Pillnitzer Landstraße kann man noch was von der ursprünglichen Idee des Elbhangfestes erleben, wenn Anwohner ihre Gärten öffnen und den hausgebrühten Kaffee in besten Sammeltassen servieren. Einmal wären wir der wunderbaren Muffins mit Erdbeeren und Schlagsahne wegen fast hängen geblieben, aber die Musik von gegenüber war dermaßen inkompatibel zu unserem Geschmack, dass es uns weiter trieb. Erstes Zwischenziel: Christian Weidlichs Divino-Catering. Der Mann hat gute Weine und auch nette Dinge für (bzw. ja eigentlich gegen) den kleinen Hunger. Wir trafen vor dem Haus engagierte Restbestände der vorhergehenden Nacht, wo der legendäre Saunaclub standesgemäß gefeiert hatte. So wie es oben auf der Terrasse roch, hatten sich einige Teilnehmer das Konsumierte noch einmal durch den Kopf gehen lassen, weswegen wir uns wegen olfaktorischer Unpässlichkeit nicht niederließen. Aber das Spektakel vor der Tür ließen wir uns natürlich nicht entgehen!

Elbhangfest 2013Etwas weiter ist das Künstlerhaus Dresden immer einen Besuch wert. Draußen gab es – alles andere hätte uns auch verwundert – Jazz. Diagnose Jazz der Name der Combo – kannten wir nicht, gefiel aber. Dennoch wäre es falsch gewesen, nur draußen stehen zu bleiben, denn wenigstens zwei der Ateliers im 1898 nach nur einem Jahr Bauzeit fertiggestellten Haus konnte man sich ansehen, was sich schon wegen der Architektur des Dresdner Architekten Martin Pietzsch (1866–1961) lohnt. Sechzehn Ateliers und Arbeitsräume sowie zwölf Wohnungen gibt es, aber man muss ja nicht alle sehen… Aber bei Doreen Wolff lohnte sich der Besuch – schließlich bringt sie die Dinge tupfend auf den Punkt 😉

Geschlossene GesellschaftZwei konkurrierende Schilder unterhalb der Königlichen Villa im Wachwitzer Höhenpark lockten uns aus dem Tal auf den Berg. Winzer Ronny Beyer lud zum „gemütlichen Weinausschank“ mit „sächsischen Weinen aus Erzeugerabfüllung“ und „Weinausschank im Weinberg mit Fettbemmchen nebst Live Musik vom Winzer auf der Wiener Harmonika und der Mundharmonika“ versprach der Hobbywinzer Gerhard Ziermann. Der hat seine Parzelle gleich unterhalb der Königlichen Villa. Allerdings beschied man uns vor Ort, keinen Wein bekommen zu können – alles sei alle. Dabei schenkte man sich genüsslich nach und lachte sehr fröhlich. Hier wollten die Anwesenden wohl lieber unter sich bleiben – kam uns irgendwie bekannt vor, finden wir nach wie vor nicht gut.

Wein im BergWir holten uns allerdings doppelt Trost: Zuerst auf der KulturTerrasse Scholz, die sich gar nicht langfristig angekündigt hatte und uns äußerst freundlich empfing  und dann beim Winzer Ronny Beier, den wir mit seinen Weinen quasi als Entdeckung des Jahres für uns feierten (auch weil wir den Mut, sich mit einem halbem Hektar selbstständig zu machen und dabei durchaus sehr Trinkbares zu erzeugen, sehr bewundern). Auch Ronny Beier war sehr nett zu uns, so dass wir mit 2:1 doch noch ein ausgewogen positives Freundlichkeitsverhältnis verbuchen konnten.

Elbhangfest 2013Allerdings bringen Weinproben (wie auch andere Flüssigkeitszufuhr) Probleme. Tea in, tea out nennen die Engländer das, selbst wenn’s kein Tee ist. Ein tea-out-Ort im Weinberg ist meist nicht zu finden, und wenn man von natürlicher Düngung absieht, bleibt nur die Flucht ins Dorf. Wachwitz, auch ein Opfer der Flut, war unter diesem Aspekt der Entsorgung nur eingeschränkt hilfreich: Es gab (weil die Elbterrasse auch abgesoffen war) nur einen mobilen Container vor dem Haus. 50 Cent Eintritt und beim Kassierer eine Geldbörse voller Scheine brachten uns nochmal ins Denken. Wie war das mit dem Eintrittsgeld, das zu sieben Prozent für Sanitär und so genutzt wird? Na klar, „wir klären das“ steht draußen drauf – aber selbst das ist nur ein leeres Versprechen. Drinnen sah es nicht so arg schön aus (50 Cent und sieben Prozent vom Eintrittsgeld!) – und hinten lief munter aus, was innen reinkam. Chemisch aufbereitet vielleicht („Wir klären das!“). Hinterm Wagen rief der Kassierer seinen Chef an („Chef, der Container ist voll und läuft über!“), vorne standen die vollen Blasen Schlange und gingen rein, um Platz zu schaffen für neues Vergnügen. Wie lautete nochmal das Motto des diesjährigen Elbhangfestes? Mein lieber Schwan!

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