Der zweite Band der STIPvisiten-Reiseverführer ist erschienen. Grundlage sind die Texte und Bilder der hier erstmals veröffentlichten Berichte über Apulien. Das Buch kann man bei Blurb vorab ansehen und bestellen.
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Die kleine Grottentour
Apulische Augenblicke (26)
Weil es so kalt sei, erklärte die Dame in der Biglietteria von di Maso & Figlio in einem deutsch-englisch-italienischem Sprachgemisch, habe man den Badestopp aus der Tour gestrichen und fahre eine halbe Stunde später ab, komme dafür aber auch schon eine halbe Stunde früher zurück. Am Preis freilich hatte man nichts geändert: 13 Euro pro Person für faktisch dann eineinhalb statt drei Stunden, denn es ging noch schneller zurück als angekündigt. Und der Bootsführer, da bin ich mir sicher, ist auch nicht die volle Tour gefahren, denn der Grottenplan der Kommune und die einschlägige Literatur verweisen auf deutlich mehr, als wir gesehen haben.
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| Die kleine Grottentour |
Was soll’s, trotz garganischem Wetter (mit blauem Himmel und Sonne beginnen und dann schlagartig eintrüben zu apulischem Grau in Grau) hat die Tour sich gelohnt. Auch wenn wir anfangs argwöhnten, allein mitfahren zu wollen, waren letztendlich etwa 40 Leute an Bord, woraus man einen guten Stundenlohn für den Skipper ausrechnen kann. Wir saßen ganz hinten: Eine gute Wahl zum Fotografieren (weil ja nach hinten immer freie Sicht ist), eine windige Angelegenheit bei voller Geschwindigkeit des Bootes.
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| Vieste – Leuchtturm Seeseite |
Schon der Beginn der Tour ist bemerkenswert: Man sieht kurz nach der Ausfahrt aus dem Hafen den Leuchtturm, der ja bei geschickter Motivwahl in Vieste nahezu immer auf dem Bild ist, von der anderen Seite. So, wie ihn vom offenen Wasser kommende richtige Fischer, Kreuzfahrtensenioren oder Entdecker sehen: Mit der Aufschrift “Vieste” – damit man weiß, wo man ist! Ebenso spektakulär und ungewohnt ist die Ansicht auf den Felssporn von Vieste, die man nach einem Rechtsschwenk des Bootes genießen kann. Der Skipper, ein eher lustlos drein blickender Italo-Macho mit Sonnenbrille, entpuppte sich als netter Ansager mit einem Hang zum beschleunigten Feierabend – “aber egal”, wie Sylke sagen würde…
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| Trabucco |
Die Kalkstein-Küste bietet vom Meer einen grandiosen Anblick, mit bizarren Formen und (wenn die Sonne scheint, wie es ja sein sollte) einem prächtigen Farbenspiel von weiß über alle Schattierungen des Gelben bis hin zu nahezu schwarzen Streifen. Gerne hat das Wasser auch Höhlen in den Fels gefressen, und die Menschen haben dem Drang nachgegeben, diesen Grotten Namen zu geben. Oh Mann, wenn das Wetter nicht langsam ungemütlicher geworden wäre, hätte das richtig Spaß gemacht und Stoff für eine Geschichte gegeben: Die Höhle der zwei Augen! Die Grotte der Sirenen! Die der Schlange, die der Fledermäuse, der Schmuggler – wenn jemand Stoff für einen Roman sucht, hat er hier schon mal ein paar Locations.
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| Grotta Campana Grande |
Manchmal fährt dieser Wahnsinnstypi mit der Sonnenbrille auch in so eine Grotte hinein, und die 40 Leute im Boot stehen dann alle auf und machen Bilder. Lustig, wie es da aus den kleinen Kameras herausblitzt! Vor allem das Fotografieren 20 Meter entfernter Höhlendecken mit Blitz kommt gut – so wie das des Mondes, in etwa. Ob mit oder ohne Foto: Was die Natur da so hingezaubert hat, ist schon beachtlich. Aaaahhh! und Ooooohhhhh! sind garantiert, und wie so oft hätte ich jetzt gerne einen Fachmann (oder eine Fachfrau) dabei gehabt, um diese Phänomene mit eine wenig fundiertem Wissen zu erklären. So blieb’s beim rein optischen Genuss.
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| Spitzfindige Bezeichnungen… |
Wir passieren einen Punkt, der Testa del Gargano, der Kopf des Gargano, genannt wird. Unser Bootsführer erklärte: Der sieht aus wie ein Spitz. Naja, aus einer Position und mit einiger Phantasie kann man das durchgehen lassen. Wir sind auch noch an der “Tomate” vorbei gefahren, aber das habe ich nun gar nicht verstanden. Wie eingangs schon erwähnt: Das Wetter wandelte sich zum Miesen, das Boot drehte (wie ich denke: früher als geplant) um und brachte uns schnell zurück. Wahrscheinlich hatte unser Bootsfahrer es eilig, seinen Caffee in der Hafenbar zu bekommen. Aber, ätsch, die hatte zu.
[Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute | Alle Apulischen Augenblicke]
Von Surfern und Bierhäusern
Apulische Augenblicke (25)
Liebes Tagebuch!
Heute waren wir am Strand mit den vielen Surfern. Punta Lunga heißt das da, und es gibt Campingplätze en masse, gefährlich viel drahtige Italiener und obendrein eine Menge Bayern, die den ungleichen Kampf mit den Naturgewalten Wasser und Wind aufnehmen wollen. Meistens verloren sie: Es lagen weitaus mehr Surfbretter am Strand und Menschen neben ihren glitschigen Brettern im Wasser als für ein chices Coverfoto gut gewesen wäre. Außerdem schien die Sonne mal wieder kein bisschen, zudem wehte nur ein recht lauer Wind. Und dann auch noch aus der falschen Richtung! Uns war das egal, denn wir liefen nur voyeuristisch den Strand entlang und kamen ohne körperfigurbetonenden Neoprenanzug aus, was vielleicht auch besser so war…
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| Landestypisches Restaurant |
Bayern in Apulien klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber offensichtlich sowas von selbstverständlich, dass man auf alles gefasst sein muss. Zum Beispiel auf ein bayerisches Tupferl etwas landeinwärts: Da steht ein Beergarden mit Hofbräu-Bier vom Fass. Da geht unsereins (Weintrinker/in und nicht aus Bayern) doch freiwillig nie rein! Wir taten’s dennoch, tapfere Tester im Namen aller nach uns Reisenden – und waren begeistert. Hausgemachtes Brot aus dem Pizza-Ofen, Bio-Olivenöl, gefüllte Artischocken (würzige Brot-Ei-Mischung), vorzüglicher frischer Barsch vom Grill, der (endlich einmal!) nicht nach Holzkohlengrill schmeckte, obwohl die knusprige Haut über dem saftigen Fleisch schon ordentlich Hitze abbekommen hatte. Pane Pomodore als Spezialität erschloss sich uns nicht wirklich als (wie von der Chefin angesagt) etwas Besonderes, aber die Maulbeeren aus dem Garten, mit grünen Blättern geschützt und von Tisch zu Tisch wandernd, waren eine kostenlos gereichte Leckerei zum Abschluss – und der Lorbeerschnaps nach dem Bezahlen hatte es auch in sich.
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| Beergarden |
Am Nachmittag füllte sich das Haus: Lauter total coole Italiener fuhren vor (und parkten uns beinahe zu), alle mit total coolen Klamotten und supercoolen Sonnenbrillen, die sie aber im dunklen Haus abnehmen konnten. Sie kamen, um gemeinschaftlich das Fußballspiel Rom gegen Mailand zu sehen. Der Wirt musste mitgucken, weswegen der Caffee von einer Tittenbraut serviert wurde,die zuvor am Gästetisch saß. (Ich bitte das zweite durch Kursivdruck zurückgenommene Wort zu entschuldigen, aber die Dame hing schon sehr betont an ihrem Busen und betonte die üppige Macht noch durch ein rotes Herz im sonst enganliegenden schwarzen Dress. Und ja: ich habe ein Bild, aber nein: ich werde es nicht zeigen
Und nun noch die Geschichte, warum im Gargano ausgerechnet Hofbräu gezapft wird.
Der Wirt ist hier in der Gegend geboren, aufgewachsen aber in Mailand. Als er ins wehrpflichtige Alter kam, zog er es vor, auch der erweiterten Heimat vorübergehend ade zu sagen („die Hippiezeit!“ grinst seine Frau, als sie es uns erzählt) – und es verschlug ihn nach England, wo er sie kennen lernte. Beide waren, wenn ich das richtig verstanden habe, noch acht oder neun Jahre gemeinsam in München, bevor er sich wieder nach Italien trauen konnte. Hier betreiben die beiden nun den Beergarden – mit Bier aus München, „weil wir ein Bier vom Fass ausschänken wollten, das auch schmeckt!“ Im Winter besteht die Kundschaft nahezu ausschließlich aus „den Jungs aus Vieste“, die nun hier Fußball gucken. Im Sommer wagt man den Spagat mit den Touristen, die die nahe gelegenen Campingplätze massig anspülen. Chef und Chefin sprechen deutsch, englisch und italienisch, und sie führen ihr Restaurant nach dem Motto „das Beste aus den drei Kulturen“.
Wetten, dass wir am nächsten Abend noch einmal da waren?
SSSSSSSSSSSssssssttttttttttttttttt
Apulische Augenblicke (24)
Strandtag in Vieste – eigentlich eine eher ruhige Angelegenheit. Der Strand ist lang, die Zahl der Touristen und Einheimischen hält sich in Grenzen. So ein Ausruhtag ohne besondere Ereignisse muss auch mal sein! Linker Hand sieht man den Felssporn, auf dem das alte Vieste erbaut ist. So ganz beruhigt können die Anwohner der Häuser an der Felskante nicht schlafen, denn das Meer knabbert immer noch am Felsen. Sagen wir so: Es ist extrem unsicher dort – aber schön!
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| Dem Meer entstiegen |
Das Wasser ist klar und blau, der Strand hat reichlich vom gelben Sand: ohne die Sommertouristen ist das richtig schön – und nicht mal gefährlich. Sylke nimmt ein Bad, ich sehe einem Angestellten zu, wie er Landesflaggen hisst. Er macht das nicht ohne Grund: Heute ist für Vieste nämlich ein großer Tag, der Giro d’Italia kommt auf seiner 6. Etappe von Potenza nach Peschici hier durch. Es ist die längste Tour des Giro, und sie wurde (nach Protesten der Fahrer) schon um 33 Kilometer verkürzt. Geblieben sind aber immer noch 232 Kilometer – nicht schlecht, Herr Specht!
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| Giro d’Italia |
Die Stadt hat ein Halteverbot ausgesprochen und ist ab Mittag für den Verkehr komplett gesperrt. Es regt sich aber keiner drüber auf – man ist wohl eher ein wenig stolz, dass das sportliche Großereignis Vieste berührt. Viele gaaaanz wichtige Menschen laufen herum, darunter gehetzt wirkende Hilfspolizisten, die Absperrflatterbänder entlang Einfahrten und Einmündungen von Nebenstraßen spannten – Straße frei für die Radler.
Doch bevor die kommen, inspizierten erst einmal fette Polizisten auf gemütlichen Motorrädern mit Blaulicht den Weg. Wir hatten es uns, angesteckt von der Betriebsamkeit, im Garten des Restaurants oberhalb des Strandplatzes bei einem Glas Wein gemütlich gemacht. Nebenan äugte ein Paar aus Bayern immer mal wieder auf die Straße. Nichts passierte.
Doch dann plötzlich: “Sie kommen! Sie kommen!” Mit “Sie” waren aber keineswegs die Radfahrer gemeint, sondern die viel wichtigeren Sponsoren in ihren schnellen Autos, die sich – wozu ist schließlich jeglicher anderer Verkehr gesperrt? – im Autobahntempo auf die Stadt zu bewegten. Jede Menge Promotionswagen bieten irgendwas für drei und noch etwas mehr für zehn Euro an – ich habe nicht verstanden was, aber sie rauschten alle vorbei und waren ganz bestimmt wichtig.
Dann erst einmal wieder nichts. Zeit für ein Gespräch mit den Bayern. Sie wohnen – aus unserer Sicht – hinter Vieste im Wohnwagen auf einem der zahlreichen Campingplatz und sind – sehr stilsicher an so einem Tag! – mit dem Rad zum Strand gekommen. Außerdem trinken sie auch gerne Wein und haben einen Geheimtipp, nämlich einen Hersteller mit gutem und günstigen Wein (genau: das ist der in der vorigen Folge beschriebene – ich habe mal die Chronologie ein wenig geändert, so kommt’s raus).
“Sie kommen! Sie kommen!” Dieses Mal sind sie es wirklich. Man erkennt die Spitzengruppe des Giro am Hubschrauber dicht über der Straße, aus dem heraus gefilmt wird. Oben geht es also hubschrabschrabschrabschrab und unten macht es
SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSssssssttttttttttttttttttttttt. Und dann sind sie vorbei.
Wieder nichts, dann wieder wichtige schnelle Autos, Blaulicht, nichts und dann das Hauptfeld. Und das war’s. Die neuen Bekannten schwingen sich aufs rad und machen gemächlich los gen Feriendomizil. Ohne Blaulicht vorweg und ohne ssssttt. Aber mit der Gewissheit, dass zu Hause ein nettes Glas Rotwein wartet.
Wandern auf der weiß-roten Route
Apulische Augenblicke (23)
Die zweite Wanderung durch Foresta Umbra war prinzipiell ein wenig geplanter als der erste Trip und sollte auch länger ausfallen – eine Tagestour. Zwischenzeitlich drohte das Unterfangen zwar zur Tortur zu werden – doch dazu später mehr. Wir begannen die Wanderung frohen Mutes an einem wunderbaren Parkplatz in der Nähe eines Picknickplatzes – zum Wiederfinden: Kurz hinter Kilometer acht auf der Straße von Vieste zum Informationszentrum.
Unsere Absicht: Die Wanderung 2 aus dem Plan der Parkverwaltung zu finden.
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| Auf den alten rot-weißen Spure… |
Unsere Wanderung: Schön, aber nicht die gewollte. Die Entscheidung zum schönen falschen Weg fiel früh an einer Kreuzung, die es auf der Karte gar nicht gab. Die Karte ist nämlich pädagogisch wertvoll und damit fürs Leben nicht brauchbar: Es stehen nur Wege drauf, die man gehen darf; solche, die man nicht gehen soll, sind schlichtweg nicht eingezeichnet. Man kann sich also so gut wie gar nicht orientieren, denn wenn man Karten nach dem Motto „Was nicht sein soll, zeigen wir nicht“ zeichnet, kann man es auch gleich sein lassen. Lustig: Die Wege, die wir gingen, waren ausgeschildert (zuerst gelb, dann weiß-rot und schließlich weiß-rot und gelb) – aber wohin sie führten, blieb das Geheimnis der Baumanmaler. Mittlerweile weiß ich, dass es Zeichen eines alten Wandernetzes sind – eines Wegesystems, das nicht mehr gepflegt wird.
Wir ließen das Los entscheiden zwischen rotem Kreis, weiß-rotem Balken und gelbem Strich und entschieden uns – für weiß-rot. Ein wunderbarer Weg, wenn auch der falsche! Wenn ich das im Nachhinein richtig einschätze, führte er immer südlich vom Wunschpfad durch sich sauber voneinander abgrenzende Vegetationszonen. Bäume, Blüten, Schmetterlinge – langweilig war’s nie! Wir ahnten bald, dass wir uns irgendwann falsch entschieden hatten, wussten aber weder genau wann noch wo wir waren – außer: auf der weiß-roten Route.
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| Ist denn schon wieder Freitag? |
Plötzlich erreichten wir eine Lichtung mit zwei Badewannen an einem altem Brunnen: Das konnte nur Piscina di Picone sein – ein Punkt auf der Karte, zu dem absolut kein Weg führte. Die Wannen machten keinen sehr einladenden Eindruck, und auch das Brunnenwasser sah nicht nach Spitzenplatz einer Apulischen Wasserqualitätshitliste aus. Also ließen wir die Piscina in the Middle of Nowhere hinter uns und taperten munter weiter: Es war ja schön, und die Bäume trugen ausreichend oft weiß-rote Streifen! Irgendwann wurden die Auszeichnungen spärlicher. Das ist dann die richtige Zeit und zweifelsohne auch der richtige Ort, über Orientierungssinn, Kartenlesevermögen und Umkehrpläne zu diskutieren. Als hilfreiches Argument erwies sich ein plötzlich auftauchendes richtiges Schild. Leider war es nicht für uns, denn es wies Radfahrern den Weg: Rechts zweimal in den Wald, links zur Caserma Caritate, nahe unserem Ausgangspunkt.
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| Im Schattenwald |
Na, den nehmen wir doch, selbst wenn wir zu Fuß sind! Außerdem geht der Weg immer schön bergab und gehört zu den schönsten Strecken, die man hier gehen kann. Wir erlaufen uns die offizielle (!) Tour drei, laut Parkverwaltungsplan. Obendrein begehen wir die Wanderstrecken “gelb” und “weiß-rot”, laut den Bäumen links und rechts. Wir marschieren erneut durch die Vegetationsebenen: Besonders bei den Ginstern, die in der Sonne strahlend gelb leuchten (wie Ginster das so machen, wenn die Sonne scheint) ging uns das Herz der Begeisterung über. Und als wir, so ganz ohne Beschreibung, tatsächlich wieder da ankamen, wo wir los gegangen waren, war auch für die gerne ein wenig an meiner Orientierung zweifelnde Sylke wieder die Welt in Ordnung…
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| Bullenfotografie |
Die nächstmögliche Krise hätte sich anbahnen können, als auf der Heimfahrt die Straße urplötzlich gesperrt war. Nein, keine Baustelle, kein Giro d’Italia, kein umgestürzter Baum: Bullen standen auf der Straße und sahen uns hochinteressiert an. Nach kurzer Diskussion in einem uns nicht verständlichen Cowderwelsch verwandelten sich die ausdrucksstarken Gesichtsmuskeln, die hellhäutige Gesellschaft guckte plötzlich nur noch kuhl und zottelte gelassen an uns vorbei. Dass diese Begegnung nicht zur Krise ausartete, lag am Mut meiner Beifahrerin – und vielleicht auch am nicht so genauen Hinsehen. Tapfer hatte Sylke das Auto verlassen, um sich den “Kühen” fotopirschend zu nähern – und es ist ja auch nichts passiert, außer wahrscheinlich einem netten Foto (das ich hier aber noch nicht gesehen habe).
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| Agrotourismus Cimaglia |
Hej, nun waren wir abenteuerlustig und bogen bei nächstbester Gelegenheit von der Hauptstraße ab. Grobe Richtung: Küste. In Wirklichkeit aber landeten wir an einem Ort, den wir schon seit drei Tagen heimlich gesucht hatten (soooo ein Zufall!): Einem Weinbauernhof mit kleinem Restaurant, Übernachtungsmöglichkeit und Außer-Haus-Verkauf. Wir suchten keinen Übernachtungsort, klar. Aber die Cantine Cimaglia, die in Agritourismo macht und als “grüner Punkt” sich heimischen Produkten verschrieben hat, war uns als ein Ort leckeren und unverschämt günstigen Weines beschrieben worden.
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| Fünf Liter fünf Euro. Und leck… |
Hier gibt es Vino da Tavola Rosso in einem Gebinde, das Weingenießern die Tränen in die Augen treibt: 5 Liter im Plastkkanister für 5 Euro. Wenn man freilich um Wein nicht so ein Gewese macht, sondern ihn einfach produziert und sauber ausbaut, kann er lecker sein und billig. Nur Wasser (auch aus und in Plastikflaschen, übrigens – und das nicht mal geächtet) ist günstiger.
Die Cantine hatte, wie es uns schon so oft auf unserer Reise wegen unmöglicher Einkehrzeiten passiert war, offiziell geschlossen – aber genug Menschen wuselten auf dem Hof herum und ließen uns herein. Und wie auch schon häufig erlebt: Die Menschen waren freundlich, offen, geduldig mit uns. Die zwei Glas, die wir – um den Wanderstaub aus dem Körper zu entfernen – vorher tranken, gab’s übrigens gratis.
Wandern im Wald
Apulische Augenblicke (22)
Als Wanderer hat man ganz andere Probleme denn als Schreiber. Ich fang mal mit dem Schreib-Problem an: Das riesige Naturschutzgebiet im Kern des Gargano heißt Foresta Umbra. Das ist, nicht verwunderlich in der Gegend, italienisch und, grammatikalisch gesehen, weiblich: Foresta heißt Wald, aber aus italienischer Sicht eben nicht der Wald, sondern die Wald. Umbra, entnehme ich der Vieste-Webseite, kann naheliegend Schatten bedeuten – oder auch den umbrischen Menschen meinen. Und wo ist das Problem? Mein Problem ist, dass nahezu alle deutschsprachigen Quellen “die Foresta Umbra” schreiben, ich aber, weil es doch um den Wald geht, von nun an “der Foresta Umbra” tippen werde.
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| Viel Moos |
So, das wäre also geklärt. Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Und was sind die Probleme des Wanderers? Die sind viel diffizilerer Natur. Die Gegend da ist nämlich eigentlich gar keine Wandergegend. Also, sie ist es schon ein bisschen, aber nicht wirklich dolle. Weswegen es zwar 52 offizielle Wanderführer durch den Park gibt, aber keinen vernünftigen Wanderführer in Buchform. Und die Karte, die sie im Informationszentrum des Nationalparks verkaufen, ist eine schöne bunte Lachnummer im Maßstab 1:25.000. Fünfzehn Touren sind da (italienisch und englisch, immerhin) andeutungsweise beschrieben, wobei hauptsächlich die Parkplätze von Start und Ziel und die mutmaßliche Dauer angegeben sind, was ja nicht sehr viel ist.
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| Regenwald-Erinnerung |
So richtig doof ist allerdings, dass die eingezeichneten Wege nur eine kleine Auswahl der tatsächlichen Wege zeigt. Die Karte hat pädagogischen Dünkel und ist so etwas wie eine “für die Jugend bearbeitete” Ausgabe von Büchern – in denen dann die wirklich spannenden Teile fehlen: Foresta Umbra, für doofe Touris bearbeitete Ausgabe. Diese verrückte Idee war bei der ersten unserer beiden Wanderungen nicht weiter hinderlich – bei der zweiten hingegen führte die falsche Karte dazu, dass wir in weiten Teilen komplett anders liefen als vorgesehen. Aber: Wir befanden uns auf Wanderwegen – auf alten, ausgedienten. Sie waren noch leidlich beschildert, ein wenig Orientierungssinn und einige Fixpunkte auf der hübsch geschönten Nationalparkkarte lieferten den Rest: Das war dann völlig unerwartet eine richtig schöne Tour!
Für die erste Begegnung mit einem kleinen Teil des etwas über 10.000 Hektar großen Nationalparks wählten wir den Einstieg unweit vom Besucherzentrum. “Falascone” heißt der Punkt, eine nette Grillstation für Sonntagsbesucher ohne große Lauflust (Entfernung zum Parkplatz: etwa 50 Meter). Sonntags ist es im Sommer hier rappelvoll: Die Italiener bevorzugen die deutlich kühlere Luft im meist über 700 Meter hohen Buchenwald und machen es sich dann am Grillfeuer gemütlich.
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| Rastplatz |
Die gut ausgeschilderte Tour 7 Richtung Laghetto d’Umbra stellte sich als extrem schlendrig heraus, so dass wir an der nächstbesten Kreuzung nach rechts in die Tour 9 zur Caserma Murgia abbogen. Auch keine Herausforderung, sondern eher ein gemütlicher Spaziergang. Das Gebäude sah aus wie ein altes Forsthaus. Wie es so mitten im Buchen-Urwald plötzlich “da” war: das war dann doch eine Überraschung. Die Caserma Murgia war nicht bewohnt, aber offensichtlich ab und an noch genutzt. Wir machten es uns draußen gemütlich: Tisch und Bänke luden zur Brotzeit ein!
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| Steintreppe |
Die gekaufte Karte war an dieser Stelle dann doch nicht so unnütz, da wir munter weitere Teilstrecken zu unserem ad-hoc-Wanderweg machten: Von der Caserma Murgia folgten wir der Tour elf und ließen uns, als “die elf” uns nicht mehr weiter brachte im Rundweggedanken, nahtlos in Tour zehn gleiten. Ein gefährlicher Weg, ein höchst gefährlicher sogar: Der Weg war nämlich immer wieder garniert mit riesigen Fladen mehr oder minder frisch verdauter Masse. Die frischen Fladen waren ungefährlich: Wer da rein tritt, hat nicht aufgepasst. Aber die schon ausgehärteten – waren es oft gar nicht. Außen kross und innen weich – das kann einen Wandersmann ganz schön stinkig machen! Anders als die reichlich sich hier labenden Mistkäfer genossen wir den Fladenkot der Wildschweine kein bisschen. Manchmal fragten wir uns, ob es vielleicht gar keine Wildschweine waren, die sich da ausgeschissen hatten, sondern Dinosaurier. Der Menge wegen…
Rundgang 10 führte uns (immer ausgeschildert, nett nett!) via Coppa Pasqualone (780 Meter) und Coppa Croci (803 Meter) zurück in die Nähe der Caserma Murgia. Via Tour 8 wanderten wir wieder Richtung Falascone (751 Meter), begleitet nur von vielfältigem Vogelgezwitscher. Touristen sahen wir nicht – Füchse und Wildscheine auch nicht, jedenfalls nicht direkt.
Apulische Augenblicke (21)
Rodi Garganico hat 4.000 Einwohner, etwa 40 davon haben wir kennen gelernt – in der Bar C’era Una Volta. Die resolute Chefin mit den orangefarbigen Haaren hat alles im Griff – und präsentiert eine wunderbar unanständige Rechnung: Das Glas Rotwein 50 Cent, der Espresso 70 Cent – Bruschetta und Tramenzini gratis.
Die anderen Gäste in der Bar tranken lustige Mixe: Daumendick Rotwein, der Rest Weißwein. Oder ein fast volles Glas Rotwein mit einem Schuss Orangensprudel. Einer kam, las Zeitung und ging. Zwei spielten Karten ohne zu verzehren – das hatten sie vorher getan ohne Karten zu spielen.
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| Hinter der Stadt: das Meer |
Wir hätten den ganzen Tag hier bleiben können und uns sicher nicht gelangweilt. Aber das war ja nicht der Sinn des Besuchs. Wir also raus auf die Piazza Rovelli, wo gerade – es ist Mittagszeit – nicht so arg viel los ist. Rodi Garganico macht, im Vergleich zu Peschichi oder Vieste, sowieso einen sehr ruhigen Eindruck. Dabei hat es doch ähnliche Attribute vorzuweisen: Es liegt auf einem Felssporn hoch überm Meer, das hier mit zwei langen und mehr als passablen Stränden ausgestattet ist. Es gibt einen kleinen Hafen, der allerdings eher modern als romantisch ist. Von der Mole starten Schiffe zu den Tremiti-Inseln, die wir lediglich aus Zeitgründen nicht besucht haben. Zu lohnen scheint es sch – aber man braucht ja immer wenigstens einen Grund, um wieder zu kommen.
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| Bar C’era Una Volta |
Zur Piazza führen belebtere Straßen, doch links und rechts davon wird es wie so oft bezaubernd verwunschen in den Gassen. Da Rodi Garganico nicht so groß ist, kann man im wahrsten Sinne des Wortes planlos herumlaufen und landet garantiert nicht irgendwo, sondern entweder am bereits bekannten Platz (kannten wir da nicht eine vorzügliche Bar?) oder, immer wieder überraschend schön, am Rande der Stadt mit Blick aufs Meer. Einen Trabucco sahen wir bei so einem Ausstieg aus den Gassen auch – offensichtlich einen der frisch rekonstruierten.
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| Capoiale |
Das nächste Ziel ist der Lago di Varáno. Uns empfängt eine Brachialromantik, die man nicht gesehen haben muss. Die Isola ist die Landzunge, bei der es auf der einen Seite der Straße das nicht sichtbare (weil Pinienwälder daszwischen sind) Meer gibt, mit langen Sandstränden. Viele Stichstraßen führen ans Wasser, wir entschieden uns wegen des netten Namens für den Lido del Sole. Dort war es dreckig: Menschenmüll, nicht weggeräumt..
Zum Hafen Capoiale fallen einem viele beschreibende Worte ein – pittoresk, sonst bei Häfen im Mittelmeerraum gern genutzt, gehört nicht dazu. Miesmuscheln wurden früher im Lago vorgezüchtet, seit der biologisch tot ist, gibt’s die Muscheln nur noch aus dem Meer. In Capaiole werden die Muscheln umgeschlagen. Im Sommer, wenn es mehr Menschen als Muscheln da gibt, spielen die Fischer Fähre und setzen zu den Tremiti-Inseln über.
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| San Nicola Varano |
Bei der Weiterfahrt – wir wollen den Lago umrunden für die Rückfahrt – taucht plötzlich eine Geisterstadt mit Kirche auf: San Nicola Varano. Eine Erklärung für die Ruinen findet sich nirgendwo, das Areal verfällt schlummernd vor sich hin. Sogar die Schlange ist tot, die mir beim Aussteigen aus dem Auto kursfristig einen Schreck eingejagt hat. Ein wenig Recherche hat dann ergeben, dass dieses früher wohl eine Station für Wasserflugzeuge war. “Wer die Straße von Cagnano Varano her kommt, wird überrascht sein, ein Dorf zu sehen mit modernen und eleganten Bauten, die aber völlig fehl am Platz sind in einem Gebiet, das sonst Brachflächen und Gestrüpp vorbehalten ist.” Die Anlage stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, wurde aber 1915 zu dem, was sie ist – und hauptsächlich im Ersten Weltkrieg benutzt. Aha, und seitdem will es offensichtlich keiner mehr haben. Dabei sieht das aus wie eine Feriensiedlung…
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| Bunter Verfall |
Das nächste Ziel auf der Rückreise ist Vico del Gargano. Mittelalter pur. Fehlte nur noch, dass die Scheiße die Gassen entlang fließt. Auch hier ein Stauffer-Castello, 1240 unter Friedrich II. gebaut, nur von außen als wuchtige Anlage erkennbar – aus der Innenansicht ist es ein eher unauffälliger Teil der Stadt und bewohnt! Die Häuser stützen sich mit Bögen gegenseitig, der Platz dazwischen ist eng, sehr eng. Moosige Treppen deuten auf Feuchte – kein Wunder, denn Sonne kommt da nie hin. Hinter jeder Ecke neue ah-und oh-Blicke, Treppen, Stürze, Bögen. Alles sieht alt aus, alles scheint bewohnt.
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| Abendspaziergang |
Jetzt, in den Spätnachmittagsstunden, sieht man auch manchmal Menschen auf den Gassen und Plätzen. Drei alte Damen (nein, sie tanzen nicht Tango mitten in der Nacht, wie im Chanson) treffen sich auf einem Platz, eine strickt, eine fegt, alle reden miteinander. Eine nette Szene vor der Kirche: Die Männer waren während der Messe draußen auf einen Schwatz. Die Glöckchen aus der Kirche, die den heiligen Moment der Wandlung einläuten, unterbrach den Plausch subito: Man stob auseinander und zurück in die Kirche.
9.000 Einwohner hat Vico del Gargano, davon leben viele im historischen Zentrum. Die ältesten Teile der Stadtmauern (es gibt eine äußere und eine innere) sind tausend Jahre alt. Aber sie haben Strom in der Stadt…
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| Wandmalerei |
Abendessen in Peschici. Ein Tipp in einem unserer mitgenommenen Bücher führte uns zur Vecchia Peschici – sah von außen ok aus und hatte in der Tat einen atemberaubend schönen Blick von der Terrasse gen Sonnenuntergang hinterm Hafen – der aber leider wegen aufziehender Wolken nicht sichtbar stattfand. Das Essen (Vorspeise Meeresfrüchteteller 9,50, aus den Primis Orecchiette mit Stängelkohl, Seezunge nach Art des Hauses mit Sauce aus (und mit) Tomaten, gelber Paprika, Kapern) war ordentlich, aber nicht umwerfend. Das Ambiente – außer der Sicht – eher uncharmant: Die Tische nicht vorher eingedeckt, die Bedienung eher lustlos und uninspiriert wie das Essen. Außer uns nur vier Gäste aus Schwaben/Bayern, über die zu schreiben die Höflichkeit verbietet und drinnen ein Paar – es war sozusagen leer. Verdientermaßen?
Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute
Monte S. Angelo
Apulische Augenblicke (20)
Monte Sant’Angelo liegt ein wenig im Landesinnern vom Gargano. Der 15.000-Einwohner-Ort gilt als Wallfahrtsort der Superlative, was auf jeden Fall stimmt, wenn man die Beliebtheit bei Touristen als Maßstab nimmt. Wirkliche Pilger hingegen mag es geben, aber nicht an diesem Tag. Das lag vielleicht daran, dass die Stadt ihren Höhepunkt gerade hinter sich hatte: das Patronatsfest ist am 8. Mai, wir waren am 14. da. Aber der Erzengel Michael zieht auch so, und gleich neben dem Busparkplatz lassen die Touri-Nepper mit wattstarkem Ethno-Disco-Pop die Luft vibrieren. Da hilft nur: Ohren zu und durch. Um die Ecke in der Seitengasse wird es ruhig, es gibt uralte Gassen mit ebenso alten Häusern: Die Reihenhäuser im Stadtviertel Rione Junno haben schon einige Jährchen auf dem Giebeldach – aber ihre Wirkung bei der Einfahrt in die Stadt ist ebenso unvergleichlich wie beim Bummel durch die Gassen.
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| Flying Arcangelo |
Die Grottenkirche des Erzengels ist natürlich das erste Ziel. Der Erzengel Michael (auch zuständig für den Mont Saint Michel – das war aber vor seinem Italientrip) hatte die Grotte quasi eigenhändig geweiht – als ein sehr zögerlicher Bischof (ihm waren Michaels Worte, obwohl mit Engelszungen vorgetragen, nicht geheuer) mit einigen Mitchristen im Jahr 493 erstmals die Grotte betrat, fand er sie “himmlisch erleuchtet” vor. Eine sehr schöne etwas verwirrend dargestellte Nacherzählung gibt es dazu auch im Netz.
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| Grottenkirche |
Wir fanden die Grotte eher angemessen spärlich beleuchtet vor. Wie offensichtlich fast immer, fand gerade ein Gottesdienst statt. Die touristischen Heerscharen pilgerten in nicht enden wollender Schlange, immer rechts an der Wand lang, mehr oder minder andächtig vorbei, kümmerten sich mehr oder meist weniger um das Fotografierverbot, machten am Ende der Grotte einen U-Turn und gingen den gleichen Weg zurück – immer noch an der rechten Wand, die nun aber die gegenüberliegende von vorhin war. Dort drängten die Grottenansteher unaufhörlich nach – Alltag im Heiligtum, ist doch normal.
Die Stadt ist, wenn man aus den Touri-Strömen ausgebrochen ist, bezaubernd. Nahezu allein schlenderten wir – bei meist eher durchwachsenem wolkenverhangenen Wetter, um das auch einmal zu schreiben – durch die verwinkelten Gassen und erfreuten uns an Treppen, Wäscheleinen, Balkonen und Blumen – auch solchen, die aus dem Gemäuer sprossen. Das volle italienische Programm, wenn man so will.
Es gibt noch eine Menge anderer Kirchen, und links und rechts des (nach all der Einsamkeit beim Stromern abseits der empfohlenen Pfade) sehr geschäftigen Corso Vittorio Emanuele sieht man den einen oder anderen Palazzo – freilich erkent man die Prachtbauten aus dem 18. Jahrhundert nur bei genauem Hinsehen (Türen! Bögen! Erker!) oder wegen der erfreulich oft angebrachten Hinweisschilder, die einen (auf italienisch und englisch) dann auch noch ein wenig über die Geschichte des jeweiligen Hauses schlau machen.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz (keine Abzocke: 2,50 mit unbegrenzter Parkdauer) stehen vor einer Trattoria zwei Männer, die uns den Durst ansahen. Ob wir nicht hinein gehen wollten? Wir wollten – und stellten fest, dass der Laden eigentlich noch gar nicht auf hatte – alles dunkel drinnen. Nur die Tür stand offen – hatten wir das nicht schon einmal? Aber für uns wurde Licht angemacht, der Wirt – einer der beiden draußen vor der Tür – stapfte in den Keller und kam mit zwei Glas Rotwein wieder, servierte dazu zwei Anis-Brezel, fragte, ob wir nicht zum Essen bleiben wollten. Nein? Der andere kam rein und lobte das Haus und wie sehr es sich doch lohnen würde, hier zu essen. “Aber wir müssen doch noch bis nach Vieste und würden gerne im Hellen fahren, um etwas von der Landschaft zu sehen!” Na, das ist doch ein Argument: kein Problem, macht zwei Euro zusammen!
Von Sandbaronen und Erdbeeren im Rotwein
Apulische Augenblicke (19)
Auf dem Wege nach Pèschici die Erkenntnis: Der Adria-Strand gehört den Sandbaronen, die Campingplätze direkt am Meer anlegen, sie umzäunen und mit schwerem Eisentor nur denen Einlass gewähren, die zahlen. Tagsdrauf kurz vor Mattinata fuhren wir munter in so einer stabilimenti balneari vor, drehten dann aber am Schild um, das uns verhieß, für Auto und zwei Personen sechs Euro zahlen zu müssen: Nur, um mal eben eine halbe Stunde zu bleiben, erschien uns das zu viel…
Einen Eingang zum Meer fanden wir kurz vor Pèschici: Zwischen zwei Privatstränden gab es einen unansehnlichen Weg zum öffentlichen Strand. Dort angelangt, konnte man die Baia di Manaccora komplett ablaufen – nach rechts Richtung Vieste zu einem Felsvorsprung (der Punta di Manaccora), nach links zur Grotta di S. Nicola – die (natürlich?!) verschlossen war: Mai ist Vorsaison, da ist es kalt und nix hat offen. Am Felsvorsprung gab es so eine Art Heiligenstation, an der eine Madonna mit den merkwürdigsten Dingen angebetet wurde. Besonders apart fand ich das Bändchen, das einen in Ferienanlagen als Gast kennzeichent. Arme Madonna!
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| Peschici |
Pèschici liegt, wie auch Vieste und Rodi Garganico, auf einem Felssporn. Das heißt: Es geht treppauf, treppab. Und: Man sieht immer mal wieder das Meer – am schönsten von der Spitze, wo es ein altes Kastell gibt (was nicht wirklch verwundert: hier scheint jeder Ort so ein Castello zu haben, natürlich immer an exponierter Stelle). Das Gassenwirrwarr eröffnet auch immer wieder nette Blicke auf alte morbide Gemäuer und wundervolle Torbögen, etliche davon mit offensichtich wirklich alten Türen.
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| Rotwein mit Beeren |
Pèschici im Regen kann man, wie jede andere Stadt, ganz gut ertragen, wenn man eine nette Bar findet. Die „Bar del Corso“ verschaffte uns die Premiere eines Rotweins mit Erdbeere (im Wein!) und zwei Maulbeeren (am Glasrand), außerdem gab’s zur Bestellung „due vini“ auch noch ungefragt Chips, Mortadellabrote und Mozarellakugeln. Wir nahmen dankbar an und wurden nicht enttäuscht. Trotz exponierter Lage kostete das übrigens kein Vermögen: zwei Euro pro Glas Rotwein, 3,50 Euro für die Beilagen. Sie schmeckten, und mit 7,50 sowie nettem Wirt, sehr nettem deutsch sprechendem italienischem Gast (der uns als Dolmetscher für einen sehr beredten Sechsjährigen aushalf) war das ein hübsches Mittagsvergnügen.
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| Schlösser |
Oben an der Burg hat man bei gutem Wetter eine gute Sicht – wir hatten drei Minuten später Regen, entsprechend keine Sicht. Aber die vielen Vorhänge-Schlösser, die da offensichtlich als Brauch am Rost der Reling angebracht waren, konnten wir natürlich sehen. Machen das Liebespaare? Offensichtlich: Innig verwoben rosten die Vorhängeschlösser vor sich hin (anders als alte Liebe, die bekanntlich nicht rostet). Auch das einsame Einzelschloss mit der nicht sehr kreativen aber sicher herzlich gemeinten Inschrift “Ti amo sempre e otre” kann man noch als Sehnsuchtsschrei wahrscheinlich unerhörter Liebe deuten (sonst wären es ja zwei Schlösser, oder?). Aber was soll ich sagen, wenn da munter zwei Schlösser an einem rummachen?
Besser nichts und weiter gehen! Hier oben an der Spitze des Sporns, auf dem Peschici gebaut ist, stehen die Häuser kuschelig eng beieinander, man sieht verfallene Häuser mit abblätternden Farben und gute Restaurants, die es sich leisten können, ein wenig fernab der normalen Touristenströme zu liegen.
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| Illusionen |
Eine Kirche taucht auf – und wie wir es oft in der Gegend gesehen haben, wird man nicht gerade freundlich begrüßt: Zwei Totenköpfe grinsen uns an (soweit man ohne Muskeln und Haut grinsen kann…) Um die Ecke wird’s dann aber wieder sinnenfroh: Die sehr naturalistische Darstellung eines Ladens auf der Sützmauer einer Treppe erfreut uns – es wird nicht die letzte Malerei auf Hauswänden sein, die wir in Peschici sehen, und alle sind irgendwie kitschig schön.
Auf dem Weg zum Strand endlich mal wieder eine Begegnung mit einem räudigen kläffenden Köter – ich wusste schon gar nicht mehr wie das ist, Angst um seine Waden zu haben. Aber bellende Hunde sind nicht nur im Sprichwort selten beißend, und so kamen wir beschleunigten Schriten die knapp hundert Meter vom karstigen Sporn herunter an den Strand. Der war, bei dem nieseligen Wetter, menschenleer und eher grau.
Die Restaurants hatten geschlossen, was beim stärker werdenden Regen doppelt fies war. Dafür gab es es nettes Schild: “Wir haben die schönsten Kunden der Welt” verkündete das Surfbrett – auf italienisch und deutsch, woran man schon erkennt, wer hier im Sommer seinen Urlaub hauptsächlich verbringt. So gesehen war es doch gar nicht so schlecht, in der Vorsaison da zu sein…
Im Land der Trabucchi
Apulische Augenblicke (18)
Da schlenderst du mit nur dem einen Ziel, kein Ziel zu haben, die Küstenpromenade von Vieste entlang – und plötzlich steht da so ein Holzding vor dir. Einer gigantischen Spinne gleich stakst das Etwas ins Wasser, und du fragst dich: Wat is denn ditte?
Det is ein Trabucco! Ein Trabucco ist ein Pfahlbau (die Spinnenbeine!) zum Fischfang, der Dank einer ausgeklügelten Technik das Fangen “zufällig vorbei schwimmender Fische” (Wikipedia) ermöglicht. Trabucchi (so die Mehrzahl) gibt es an der Adria schon lange – und was muss ich da lesen? Das erste Teil haben im 14. Jhr. in San Vito Chietino ein Franzose und ein Deutscher gebaut!
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| Trabucco und Leuchtturm |
Warum diese Bauten so filigran im Meer herumstehen, hat Franco Laner, Professor für Technologie in der Architektur am „iuav“ Venedig, in einem feinen Beitrag aufgeschrieben. Ich fasse mal sinngemäß kurz zusammen (obwohl der Originalartikel lesbar wie verständlich ist): Um den gewaltigen Kräften von Wind und Wasser zu trotzen, sind die Trabucchi so schlank und beweglich wie möglich gebaut. Nägel (und damit feste Verbindungen) kommen nicht vor: Seile halten die zierlichen Holzstangen zusammen. Insgesamt eine elastische Angelegenheit, was den Professor den schönen Satz schreiben ließ: Der Trabucco “widersetzt sich den Kräften nicht, sondern biegt sich, verformt sich, beugt sich, um seine ursprüngliche Gestalt anzunehmen, wenn sich das Meer wieder beruhigt hat.”
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| Punta della Testa |
Sowohl die Wikipedia als auch Prof. Laner nennen nur die Abruzzen-Küste in ihren Trabucco-Beiträgen – es gibt sie jedoch auch im Gargano. 16 Trabucchi sind auf der Tafel verzeichnet, die an der Punta S. Croce in Vieste angebracht ist. Es scheint sich um eine Art Aufforstung zu handeln: der Nationalpark des Gargano hat ein Projekt finanziert, Trabucchi neu entstehen zu lassen – als Denkmal oder zur Nutzung. Und während sich Prof. Laner (wahrscheinlich völlig zu Recht) darüber mockiert, dass einige Trabucchi an der Abruzzen-Küste im Rahmen der touristischen Erschließung offensichtlich sehr blauäuigig restauriert wurden, scheint man sich im Gargano mehr Mühe zu geben: Sogar beim offensichtlich kommerziell genutzten Trabucco am Monte Pucci beobachteten wir zum Beispiel die gewünschten Verbindungen mit Seilen.
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| Bei Rodi Gargano |
Hier, weil es so schön ist, das Zitat aus Laners Beitrag über die “Fischermaschinen an der adriatischen Küste”: “Um Sicherheitsstandards einzuhalten, wurden … ungeeignete Sekundärstrukturen aufgesetzt, die sie ihrer ursprünglichen Natur beraubt haben, was den Schluss zulässt, dass Restaurierungen nur dann vorgenommen werden sollen, wenn man das Wesen und die Idee einer Struktur verstanden hat. Was den Trabucco so einzigartig macht, ist eben nicht nur das Erscheinungsbild, sondern das inhaltliche Konzept, das Zusammenspiel von Beobachtungen und Gedanken, die sukzessive in ihrer Materialisierung Realität wurden und zu höchster funktioneller und architektonischer Ausdruckskraft führten.”












































