Vorgelesen: Von den italienischen Männern

Heute ist Vorlesetag. Anlass genug, eine alte Idee einmal Wirklichkeit werden zu lassen und (vorerst einmal nur) einen Text aus den STIPvisiten vorzulesen. Wegen der erwarteten Stimmung bitte ich darum, sich im Halbkreis vor dem Monitor zu versammeln und zuhören zu wollen!

Die Geschichte “Von den italienischen Männern” (4:31) beschreibt Beobachtungen aus Sardinien, und natürlich kann man sie auch hier nachlesen (mit Bildern!).

Capo Mannu

Mohn

Geschichten aus Sardinien (20)

Vergessen wir mal alle ordentlichen geographischen Beschreibungen und sagen es so: Links in der Mitte von Sardinien ist so ein Pickel – und der ist schön. Auf der Halbinsel Sinis ist das Capo Mannu ein beschaulicher Fleck, den man bequem bewandern kann (eigentlich ist es wirklich eher ein Spaziergang…). Auf dem Hinweg nehmen wir schnell noch ein sich lang ersehntes, aber natürlich nirgendwo angekündigtes Mohnfeld mit, weil sich das auf Bildern ja immer ganz bezaubernd macht.

Am Strand
Am Strand

Das Capo ist ein Surferparadies, lese ich – gesehen haben wir gar keine Vertreter dieser Spezies, warum auch immer nicht. Statt dessen gab es vermehrte Ansammlungen sardischer Familien auf Sonntagsausflug. Das äußert sich entweder in größeren Verbünden, zum Beispiel in Gaststätten (manchmal eher rüde wirkenden, aber in Wirklichkeit doch sehr anheimelnde Räume in Küstennähe), oder in kleineren Gruppen, die man hauptsächlich daran erkennt, dass ein Auto in der Landschaft steht. Italiener fahren nämlich, so weit sie können, um die Natur in Ruhe genießen zu können.

Unterm Schirm
Unterm Schirm

Ein Auto pro Mini-Bucht war Pflicht – statt mit der Karte zu lustwandeln hätte man auch auf Sichtweite sich von Auto zu Auto hangeln können. Da der Weg sich in einigen Metern Höhe überm Meer entlang schlängelt, kann man dann immer runter sehen und die Familien grüßen. Manchmal sieht man aber auch nichts außer einem aufgespannten Schirm, weil die Gruppe klein ist und sich unterm Schattenspender versteckt. So eine leicht voyoristische Wanderung hat was Anregendes und lohnt die vielen Schlenker, die die Küstenlinie hier macht.

Torre Capo Mannu
Torre Capo Mannu

Irgendwann steht man dann vor dem Küstenturm, der als Zwischenziel der Wanderung avisiert war – und stellt fest, dass er so langsam vor sich hin rottet und gar nicht zu Pause einlädt, weil weder Schatten spendende Bäume noch gemütliche Sitzgelegenheiten vorhanden sind. Man kann halt nicht alles haben – und man muss ja auch nicht unterm Torre pausieren, wenn wenig weiter die wildesten Klippen mit fabelhaftesten Ausblicken auf azurblaues Meer und nur ganz wenigen Ameisen unterm Po einen quasi-idealen Platz bieten.

CDF mediterran
CDF mediterran

Als Wahldresdner denkt man ja manchmal etwas quer – mir fiel beim wildromantischen Lustwandeln Caspar David Friedrich ein: Der hätte hier sicher leidenschaftlich aufregende Motive gefunden, mit sanft anrollenden Wellen, in diversen Blautönen changierendem Wasser-Himmel und weiß-gelb-rot-grünen Wiesen, mit sanft im Wind gleitenden Vögeln und einer himmlischen Ruhe. Aber CDF kam ja nur bis Rügen, weswegen wir keine einschlägigen Bilder von ihm haben und sie uns selber denken bzw. knipsen müssen.

Act naturally
Act naturally

Der Weg ist das eine Ziel, hier ganz besonders – und das andere Ziel ist der riesige Strand am nördlichen Ende des Wanderknubbels. Belebt, aber dennoch erfreulich viel Platz. Aus der bereits erwähnten Abteilung Voyorismus fanden wir ein freundlich sportliches Duo vor, das viel Spaß hatte. Das Wasser war klarer und sauberer als der leicht vermuddelte Strand vermuten ließ – mithin: ein gelungener Abschluss. Lediglich der Weg zurück zum Ausgangspunkt, an dem das Auto wartete, war ein wenig langweilig, weil er die von heimfahrenden Buchtenausflüglern belebte Straße entlang führte…

[Karte]

Bosa (3): San Pietro Extramuros

San Pietro Extramuros

Geschichten aus Sardinien (19)

Ach, die Reiseführer haben ja alle so Recht: Bosa ist einfach eine schnuckelige Stadt. Wir hatten eine Ferienwohnung direkt am Temo bekommen, mit Blick (vom kleinen Balkon) zur romanischen Kirche San Pietro Extramuros aus dem Jahr 1060. Dass der Temo in Sardinien als kleine Sensation gilt, weil er “der einzig schiffbare Fluss der Insel” ist, liest man überall. Aber hallo: Von der Mündung aus kommt man ganze fünf Kilometer stromauf! Klar, es reicht von der Marina bis zur Stadt (das sind sogar nur etwa zwei Kilometer!), was für den Handel früher schon wichtig und bedeutend war.

Kreuzfahrer auf demTemo
Kreuzfahrer auf dem Temo

Aber dass es auch Kreuzfahrten auf dem Fluss gibt, ist schon was fürs Kabarett. Schulklassen nutzten den Service offenbar gerne, sie tuckerten mit dem kleinen Boot stromauf bis zur Kirche und kamen wenig später zurück. Der Kreuzfahrer ist so klein, dass man ihn kaum sieht – aber das Gejohle der ragazzi ist kaum zu überhören. Sie haben ihren Spaß und können im traditionell fälligen Aufsatz über “mein schönstes Ferienerlebnis” nun wählen, ob sie sich über die besondere Bedeutung der Handelsschifffahrt im Landesinnern von Sardinien, den extrem kurzen, auf vier verschnörkelnden Säulen stehenden Glockenturm von San Pietro oder das Kreuzfahrerleben als solches auslassen sollen.

San Pietro Extramuros
San Pietro Extramuros

Wir sind, wie banal, mit dem Auto vor die Tore der Stadt gefahren, um San Pietro zu besichtigen. Die Kirche war verschlossen, wie immer mittwochs im Mai, wie wir einem handgeschriebenen Zettel an der Tür entnehmen konnten. Pech gehabt, denn die Kirche hat sich im Inneren seit dem 11. Jahrhundert kaum verändert. Aber von außen ist sie auch ansehenswert – vor allem das offene Türmchen am vorderen Giebel und, auch vorne über der einzigen Tür zur Kirche, das Architrav mit vier Figuren und zwei stilisierten Bäumen.

Schnörkelturm
Schnörkelturm

Fragt sich, wieso hier, etwa zwei Kilometer oberhalb von Bosa, eine alte Kathedrale steht? Ganz einfach: Da war einmal die Mitte des Ortes! Eine Brücke über den Temo hatte es auch gegeben, damals, als die Römer es hier schon schön fanden. Die Brücke ist übrigens eingestürzt und blockiert die Schifffahrt – deswegen geht’s also nicht weiter stromauf. Gerne hätten wir irgendwelche Reste gesehen, aber gefunden haben wir nichts auf dem Weg stromauf. Nur ein paar Angler, die uns argwöhnisch beguckten. Ob das Podest, von dem aus sie ihrer Freizeitbeschäftigung nachgingen, irgendwie mit der Brücke zu tun hat, konnten wir nicht in Erfahrung bringen.

[Lage auf der Karte]

Zum Torre Columbargia

Torre Columbargia

Geschichten aus Sardinien (18)

Die Küste Sardiniens steht voller Türme – klar: als sie gebaut wurden, gab es weder GPS noch Mobilfunk. Also war es zweckmäßig, auf Sicht zu bauen. Bei einer Küstenlänge von 1848,6 km (sagt die Wikipedia) kommen da einige zusammen: Rund 150 sind auf Karten verzeichnet oder in Quellen eindeutig angegeben. Erhalten sind davon aber nur etwa 40 Prozent – der Rest zerfällt vor sich hin. Das Ziel der kleinen Wanderung, die eher ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang ist, ist der Torre Columbargia. Er gehört zu der Kategorie der erhaltenen Wehrtürme – und die Aussicht von dort ist grandios schön!

Bucht von Porto Alabe
Bucht von Porto Alabe

Und der Weg dahin? Auch grandios! Der kleine Spaziergang beginnt in Porto Alabe – einer Feriensiedlung ohne Hafen. Wer auch immer sich den Namen ausgedacht hat: Er hatte vielleicht eine blühende Phantasie! Die Bucht reizt mit flach abfallendem Sandstrand, klarem türkisblauem Wasser, Wellengang, klasse Aussicht auf die Berge – und (im Mai, als wir dort waren) wenig Touristen, also viel Platz. Keine Ahnung, warum man von dort aus weg sollte…

Die Wellenfotografin
Die Wellenfotografin

… und wir haben es doch getan, sind über den kleinen Bach gehuppt, der aus dem Landesinnern kommt und hier ins Meer mündet. Von da an geht es immer an der Küstenlinie entlang. Gar nicht so weit weg sieht man bereits den Torre Columbargia – aber am Nachmittag liegt er immer brav mehr oder weniger im Gegenlicht. Also sieht das auf die Entfernung nicht so spektakulär aus. Dafür entschädigen Blicke nach rechts aufs Meer, das hier mit schönen Wellen heranrauscht, die sich in weißen Schaumkronen brechen.

Torre Columbargia
Torre Columbargia

An Land, einige Meter überm Meer, blüht es aufs Allerfeinste. Der Pfad zum Turm ist schmal und führt durch kniehohes Gras, freundlicherweise fast immer im gehörigen Abstand zum Küstenrand, so dass mein Freund der Schwindelerreger lange Zeit nicht zum Zuge kam. Ganz zum Schluss, auf den letzten zwanzig Metern zum Turm, kam er dann doch noch vorbei, um ein bisschen zu ärgern. Aber da war’s zu spät, wer wird sich denn kurz vor knapp noch ärgern lassen?

Nicht verschwiegen werden soll, dass neben Gräsern und Blüten und anderem Sehenswerten auch Essbares am Wegesrand uns auflauerte. Vom Rosmarin, der rund um den Torre wuchs, profitierte daher auch die Dorade, die uns ein freundlicher Fischverkäufer am Vormittag überlassen hatte. Sie fühlte sich abends im Grün der Gegend wohl, denke ich. Auf jeden Fall mundete der Fisch!

[Nachwandern auf der Karte]

Wandern nach Blumen

Rocco Pischinale

Geschichten aus Sardinien (17)

Meine Vorliebe für poetische Wanderführertexte führt manchmal zum Kauf von Büchern, die nicht wirklich hilfreich sind. Wir hatten für Sardinien ein Buch dabei, das den Weg weitgehend anhand vorbeifliegender Vögel und möglicherweise blühender Pflanzen beschrieb. Geplant war eine Wanderung über das Castello Malaspina zum Geierfelsen Rocco Pischinale, was uns nur bedingt gelang. Denn beim lustigen Wandern nach Blumen und Vögeln lernten wir die Gegend mehr kennen als geplant, verliefen uns mehrfach und hatten dabei viel Spaß. Aber dazu später mehr, wir beginnen ganz handfest mit dem Castello.

Castello Malaspina
Castello Malaspina

Die Burg gibt dem malerischen Bosa einen bildmäßig perfekten Abschluss nach oben. Von weitem sieht man auch nicht, dass sie weitgehend Ruine ist – und von Nahem betrachtet ist das auch nicht weiter schlimm, weil das Gemäuer ja schon alt ist (nach neueren Forschungen 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts) und man von hier oben vor allem eins hat: wunderschöne Panoramablicke nach unten! Unser Naturwanderführer machte uns noch auf Mandelbäume, “Stieglitze und den unscheinbaren Grauschnäpper” aufmerksam und endete “mit Glück sehen wir hier oben ganz nah einen Gänsegeier kreisen”. Wir sahen nix außer einem Mandelbaum, aber egal.

Fresken in der Kirche Regnos Altos
Fresken in der Kirche Regnos A…

Die kleine Kirche Regnos Altos hat bemerkenswerte Fresken, die 1972 beim Restaurieren freigelegt wurden. Sie sollen aus dem Jahr 1345 stammen und werden, entnehme ich dem beim Besuch ausgehändigten Infoblatt, der toskanischen Schule zugewiesen. Was da in Bildern erzählt wird, ist ein Best of Bible, außerdem die sardisch einmalig nette Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, die man hier nachlesen kann (ein wenig übersetzt…). Außerdem ist es in der Kirche schön kühl, was im Sommer ja ein Argument sein könnte, da einmal hinein zu gehen!

Kein Ausgang
Kein Ausgang

Wir aber raus zum fröhlichen Wandern! Dachten wir – aber der Anweisung “sofort wieder links durch die nächste Pforte” konnten wir nicht folgen: Sie war verschlossen. Die Lösung: Eine Treppe führte auf die Mauer und auf der anderen Seite, nicht ganz so komfortabel, konnte man runterhupfen. Unser Naturwanderführer (dem wir das geschlossene Tor nicht anlasten, sowas kann ja vorkommen) führte uns “am Großen Löwenmaul und an Montpellier Zistrosen vorbei” zu “singenden Zaunammern und Heidelerchen” und versprach, dass wir bald “Trachyt-Felssäulen mit gelegentlich darauf ruhenden Gänsegeiern” erblicken würden. Weiß der Geier, was die Autoren so alles erlebt haben, aber uns blieb nur der Felsen, und auch “die weißen Kotkleckse” auf dem Rocco Pisschinale, die “die Anwesenheit der Gänsegeier” signalisieren, blieben uns verborgen.

Wo die Gänsegeier nicht kreisen
Wo die Gänsegeier nicht kreise…

Als nächstes hätte der “melancholischen Gesang von Blaumerlen herüber hallen” sollen, aber statt dessen nahmen wir nur überdeutlich das Kläffen dreier sich verständigender Tölen wahr, die offensichtlich touristisches Menschenfleisch witterten und somit eine Abwechslung des tristen Alltags. Die Landschaft hier ist in der Tat, Gänsegeier hin und Blaumerle her, liebreizend. Leider endete unser Weg nicht, wie versprochen, an einer Holzpforte, sondern führte immer weiter weg vom eigentlichen Ziel.

Schlafender Hund
Schlafender Hund

Wir also zurück und irgendwo ab, wo früher vielleicht mal ein Matratzentor war. Auch ein schöner Pfad, den wir da gingen, durch manns- wie frauhohes Gestrüpp, aber nicht wirklich zielführend. Wir vermissten schmerzlich den “schrägen Gesang der Hänflinge”, der uns für diesen Teil der Wanderung versprochen wurde, weckten einen schlafenden Hund und gingen tapfer an ihm vorbei. Weil auch keine “Mauer- und Fahlsegler über unsere Köpfe jagten”, kehrten wir frohen Mutes um und fanden den Weg nach Bosa, ohne die “feuchte Quellwiese mit blühendem Einschwieligen Zungenstendel” je gesehen zu haben!

Karte mit Irrwegen | alle Geschichten aus Sardinien

[Zitate aus: Katrin und Frank Hecker, Peter Mertz. Die schönsten Naturwanderungen, Sardinien Korsika. Bruckmann Verlag 2004. Wanderung 5]

Bosa (2)

Bosa

Geschichten aus Sardinien (16)

Passegiata heißt das Ritual des Extremherumschlenderns am frühen Abend, dem in Italien wahrscheinlich alles, was laufen kann, frönt. Den abendlichen Bummel erlebten wir in Bosa in halbherziger Ausführung, denn der Corso Vittorio Emanuele II wurde von der polizia nur sehr halbherzig für den Autoverkehr gesperrt. Aber die Leute von Bosa haben ja neben der kopfsteingepflasterten Einkaufsstraße noch die eine oder andere Piazza, bei denen es eh keine Autos gibt, sondern ausreichend Platz für Kinder, Köter, Quasselclubs.

Fassade
Fassade

Beim abendlichen Bummel ist die ganze Stadt das Wohnzimmer für die Leute – oder vielleicht doch besser die Kneipe, in der man sich trifft. Das zwanglose Miteinander schafft immer wieder eine nette Atmosphäre, die untergehende Sonne steuert das Ihre bei, diese Stunden des Tages zu ganz besonderen zu machen. Der Corso Vittorio Emanuele II bekommt eigentlich immer wenig Sonne ab, was in heißen Regionen ja durchaus erwünscht ist. Während unseres Aufenthalts signalisierte die gerade in die Straße scheinende Sonne den Beginn der Passegiata – ein nettes Arrangement!

Bank
Bank

Wir beginnen unseren Bummel am östlichen Ende des Corso – aus dem ergreifenden Grund, dass dort unsere Ferienwohnung liegt. Auch wenn sie das nicht täte, wäre das ein guter Start, weil es hier Parkplätze gibt und man sich die Stadt nett erläuft. Der untergehenden Sonne entgegen mühen wir uns über fettes Kopfsteinpflaster oder nutzen die für stoßdämpferarme Kutschen gedachten breiten Steinplatten, die heute noch Autofahrern mit richtiger Spurweite ihrer Kutschen Freude bereiten.

Kathedrale
Kathedrale

Erste Station links ist die Kathedrale. Läuft man von außen vorbei, ist sie unscheinbar, geht man rein, ist sie wunderbar. Also: Reingehen! 1809 wurde die Cattedrale dell’Immacolata Concezione geweiht – an einem Platz, auf dem seit dem 12. Jahrhundert Gotteshäuser standen. Das Kirchenschiff bietet viel Platz nach oben – und der Blick eben dahin wird belohnt mit einem sehr faszinierenden Anblick. Von außen – hätte man so ein großes Gewölbe mit feiner Struktur und Gemälden nicht erwartet. Tage später, bei einer Wanderung zur Burg hinauf, werden wir die Kathedrale erstmals aus der Vogelperspektive erfassen – mit zwei Kuppeln und einem gedrungen wirkenden roten Sandstein-Turm bietet sie aus dieser Perspektive ein eher ungeordnetes Durcheinander.

Hinter der Tür
Hinter der Tür

Zurück zum Corso, der wahrlich nicht breit ist. Die Häuser zur Linken wie zur Rechten sind imposant, viele haben kleine Balkons mit schmiedeeisernen Gittern. Das Bild trägt nicht unwesentlich zum mächtigen Eindruck bei, den Bosa hinterlässt. Herrschaftliche Häuser waren das offensichtlich alle einmal – einige sind es wieder, andere werden gerade renoviert, wieder andere warten offensichtlich noch darauf, von einem Investor wach geküsst zu werden. Wenn eine Tür offen steht, lohnt es sich, den Kopf einmal da rein zu stecken: Aufwendige Deckenbemalung! Prächtige Aufgänge im lichten Innenhof! Hier muss man mal sehr sehr reich gewesen sein, um so zu bauen.

Die Geschäfte in den Häusern sind von der kleinen netten Art, wie man sie bei uns kaum noch antrifft: Fisch, Gemüse, Fleisch und Wurst – ein Mann, seine Frau, das war’s. Das Einkaufen hier macht Spaß, weil man – auch ohne allzu große Sprachkenntnisse! – wunderbar kommunizieren kann. Und weil dort beim Bezahlen auch schon mal abgerundet wird zum Wohle des Kunden. Einmal, als wir mit einem 50-Euro-Schein den Fisch bezahlen wollten und die Verkäuferin das nicht wechseln konnte, fragte sie nach unserem Kleingeld. Wir kippten aus, was wir mit hatten – sie zählte nach und meinte: Zwar zu wenig, aber OK! So etwas ist mir in Dresden noch nie passiert!

Ristorante Borgo San Ignazio
Ristorante Borgo San Ignazio

Die Restaurant-Situation in Bosa ist im Mai eher mager. Es gibt entlang des Corsodas eine oder andere Lokal, aber manche Karte las sich arg touristisch (vornehm für: Schlechtes muss nicht preiswert sein!). Wir folgten eher intuitiv beharrlich einem Schild, das von vielen Punkten des Zentrums weg wies – und wurden nicht enttäuscht: Im Ristorante Borgo San Ignazio wird halbwegs authentische sardische Küche gepflegt. Billig ist es nicht, zu teuer auch nicht – es hat geschmeckt, die Bedienung war nett – und übers Ambiente im kuscheligen Gewölbe mit den hellen Lampen gibt es nichts zu sagen außer: so ist das in Italien – passt schon [Via S. Ignazio 33, 08013 Bosa, Tel. 0785374129]!

Bosa

Kreuzfahrer auf dem Temo

Geschichten aus Sardinien (15)

Bosa ist eine nette Kleinstadt mit etwa 8.000 Einwohnern im nördlichen Westen der Insel. Bosa liegt nicht direkt am Meer, denn die Stadt gönnt sich den Luxus eines Flusses – des einzig schiffbaren Flusses der Insel, wie man überall lesen kann. Der Temo bietet sich nachgeradezu für Kreuzfahrten an! Wenn wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung mit Blick auf den Fluss sitzen, hört man das Gejohle der Schulklassen und teilt die Freude der sardischen Kinder am Erlebnis einer Flussfahrt. Ach, ich vergaß zu erwähnen: Der Temo ist theoretisch ungefähr zehn Kilometer weit ins Landesinnere schiffbar, aber praktisch können nur die letzten fünf genutzt werden: eine eingefallene Römerbrücke verhindert weiteres Flussaufkommen. Die Bootstour, die zum Jubeln führt, beginnt am Hafen von Bosa, der etwa zwei Kilometer von der Mündung entfernt ist. Ein kurzes Vergnügen!

Gerberhäuser
Gerberhäuser

Der Temo hat dennoch großen Einfluss (in dem Wort steckt der Fluss ja schon drin!) auf die Stadt, die sich hauptsächlich am rechten Ufer ausdehnt. Gegenüber steht eine Reihe von Gerberhäusern, die halb dem Verfall preisgegeben ist und halb renoviert. Die Gerberei ist ein harter Job, und wohlriechend ist das Gewerbe auch nicht – weswegen Gerber immer gerne “am anderen Ufer” zu arbeiten hatten (das war in London oder Görlitz so, das war in Bosa so). 1834 hat es noch 28 Gerbereien in Bosa gegeben – 1960 schloss die letzte, die von Sanna Mocci. Warum allerdings heute die Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten schnuckeligen Gerberhäuser von “Sas Conzas” direkt am Fluss vor sich hin verfallen und (O-Ton Barbara Branscheid im Baedecker Sardinien) allenfalls “morbiden Charme” ausstrahlen, ist mir ein Rätsel: Allerbeste Lage mit Blick auf die Altstadt!

Boot
Boot

Vor allem in den Spätnachmittagsstunden (zumindest im Mai…) leuchtet ein ganz bezauberndes Licht auf Bosa. Wir stehen an den Gerberhäusern, denn das erste in der Reihe beherbergt einen dieser tollen Supermärkte, in denen man noch richtig bedient wird an den Theken für Brot, Aufschnitt, Käse, Fleisch, Fisch und Gemüse. Der Fluss ist relativ breit und fließt gemächlich und ruhig dem Meer entgegen. Am gegenüberliegenden Ufer dümpeln kleine Boote vor sich hin. Das Kreuzfahrschiff ist dabei, einigen Fischkutterchen, manchmal auch deutlich nicht mehr fluss- oder gar seetüchtige Seelenverkäufer.

Palmenpromenade
Palmenpromenade

Die Uferpromenade ist von Palmen gesäumt, was nicht nur gut aussieht, sondern nachgeradezu zum Flanieren einlädt. Allerdings sorgt direkt neben der Palmenpromenade eine viel befahrene Straße für Lärm und Gestank, was vielleicht auch die weitgehende Abwesenheit von Straßencafés hier erklärt. Die einzige Gelegenheit einiger freier Tische vor dem Ristorantino Enoteca Verde Fiume wurde uns vermiest, weil der Kellner uns mit einem schnöseligen “Wir sind ein Restaurant!” klar machte, dass wir uns keinesfalls nur auf einen Wein dort niederlassen könnten. Sein Pech: Wer uns so anmacht (obwohl alles leer war!), kann mit uns auch nicht als Abendessensgast rechnen.

Ponte Vecchia
Ponte Vecchia

Wir stehen immer noch bei den alten Gerberei-Häusern und sehen nun ein wenig nach rechts. Dort überquert eine steinerne Bogenbrücke den Temo. Die Ponte Vecchio ist alt und schmal, so dass der Verkehr immer nur einspurig hin- oder herüber gelassen wird. Sie führt direkt auf die Kathedrale von Bosa zu, deren eigentliche Größe man am besten von weit weg erlebt – oder von innen, denn die Kathedrale dell’Immacolata fügt sich in das enge Bosa mit seinen schmalen Gassen ein. Hochgucken lohnt, wenn man drinnen ist, denn das prächtige Deckengemälde und die sehenswerte Orgelempore gehören zu den Besonderheiten des weitgehend barocken Baus. Hinter Fluss-Palmenpromenade-Straße beginnt die Altstadt von Bosa, und die ist nun wirklich durchlaufenswert…

Keine Banditen in Orgosolo

Kulturlandschaft

Geschichten aus Sardinien (14)

Das Schönste an Oliena ist die Landschaft nach der Ortsausfahrt. Leicht hügelig, Weinstöcke, Olivenhaine, kaum Autos unterwegs auf hervorragenden Straßen – so macht das Reisen Spaß. Das Ziel ist Orgosolo, die Banditenstadt. Es gibt da eine ganz bezaubernd-gruselige Mär und einen Film von Vittorio de Seta, Banditi a Orgosolo. Berühmt ist Orgosolo aber für seine Wandmalereien, die Murales. Aber fast mehr noch als die Wandmalereien interessierte uns, ob es dort etwas zu essen geben könnte, nach dem Restaurantdesaster in Oliena.

Bandit am Straßenrand
Bandit am Straßenrand

Kurz vor dem Ort geht das mit den Furcht erregenden Darstellungen schon los. Unser Wanderfohrer hatte uns in seinem Rundumwissenkompendium (Eberhard Fohrer, Sardinien, S. 618) wissen lassen: “Die meisten neugierigen Touristen fahren .. mit gemischten Gefühlen in das Bergdorf. Einen gewissen Druck in der Magengegend werden die wenigsten los”, wegen der Banditen und so. Unsere Gefühle waren nicht gemischt, und der einzige Druck in der Magengegend kam vom Hungergefühl – aber als da drei Kurven vor dem Ort plötzlich ein feister grimmig dreinschauender blauäugiger Bandit uns mitten in einer Kehrtwende auflauert, wird’s uns plötzlich doch sehr komisch im Bauch. Tapfer ergreifen wir nicht die Flucht, sondern halten an: Ich bremse auch für Banditen! Zumal wenn sie aus Stein und lustig angemalt sind sowie hinter der Leitplanke im Gras liegen.

Supramonte
Supramonte

Wir schossen aus beiden Kameras und machten uns danach von hinnen, Orgosolo zu besichtigen. Das Dorf machte beim ersten Durchfahren einen unspektakulären Eindruck auf uns – und wir waren schnell wieder draußen, allerdings an einem netten Aussichtsplatz, der eigens für durchrauschende Touristen angelegt zu sein scheint. Von hier aus hat man eine wunderbare Fernsicht ins Supramonte-Massiv – so lange man wirklich in die Ferne sieht. Ein Blick nach unten offenbart ein riesiges Loch, in dem kleine Laster herumkutschieren (also in Wirklichkeit sind sie natürlich groß, aber sie sehen von hier oben klein aus, das kennt man ja). Und noch näher dran erinnert eine rammelige Hütte mit einem vor sich hin rostenden Auto an Oliena.

Zurück im Dorf (Orgosolo hat so um die viereinhalbtausend Einwohner), in dem sich die Einheimischen am Marktplatz gegenüber der Kirche friedlich um einen Broilerwagen versammeln, um dort käuflich ein halbes Hähnchen zu erwerben. Ja bin ich denn in Dresden? Sieben Euro sollte der gegrillte Gockel kosten – wir fanden das sehr unromantisch und beschlossen, erst einmal die Murales zu besichtigen. Es gibt in der Tat viel zu sehen – aber ob das, was da nach 1975 so nach und nach entstand, nun mehr Ausdruck irgendwelcher Proteste sein soll oder nur touristische Anmache? Von der künstlerischen Qualität ganz zu schweigen, aber über Kunst kann man ja immer trefflich streiten.

Banditi a Orgosolo
Banditi a Orgosolo

Irgendwo habe ich gelesen, dass die Wandmalereien quasi ein therapeutisches Abarbeiten räumütiger Banditen seien – aber das glaube ich nicht. Denn die Banditen haben einerseits eine lange Tradition in der Gegend – aber dank so famoser Erfindungen wie der Blutrache hat sich ja auch andernorts schon aus einer bier- oder weinseligen Frozzelei ein generationenlanger messerscharfer Streit zwischen Familien entwickelt. Nicht witzig, aber Realität – und meistens mittlerweile auch überwunden. Vittorio de Setas Film über die Banditen von Orgosolo aus dem Jahr 1961 greift diese Aspekte der Geschichte auf – mit Laiendarstellern und beeindruckenden Bildern.

Murales a Orgosolo
Murales a Orgosolo

Die Murales, die es andernorts auch noch (und nicht mal schlechter, im Gegenteil) gibt, nahmen in Orgosolo 1975 ihren Anfang: Der aus Siena stammende Kunstlehrer Francesco Del Casino initiierte die Aktion – er war Lehrer in Orgosolo und brachte anlässlich der Feiern zur 30jährigen Befreiung vom Faschismus in Italien mit seinen Schülern Politisches auf die Wände. Irgendwannn ging der Künstler heim in die Toskana und die Leute von Orogosolo machten zunehmend folkloristischer weiter. Langfristig ist es eh besser, auf sanften Banditismus zu machen und den Leuten das Geld legal aus der Tasche zu ziehen: Touristen willkommen! Auf Wunsch mit inszeniertem Busüberfall und dem Rest all-inclusive.

Womit wir beim Lieblings-Thema Essen und Trinken wären. In Ermangelung anderer geöffneter Lokalitäten versammelten sich alle Tagestouristen gleich hinterm Broilerwagen, pardon: der mobilen Rosticceria da Tonino in eher rüder Atmosphäre am Caffé Dandana. Die Außenplätze waren fest in deutscher Hand: Ein Motorradclan aus dem Bergischen Land und Köln versorgte alle mit rheinisch-bergischer Frohnaturlaune und den neuesten Geschichten des Beinahe-Unfalls eines Mitfahrers, dann gab es noch ein junges verliebtes und ein altes fotografierendes Paar. Dazwischen wir (nicht mehr jung, noch nicht alt, aber auch verliebt und fotografierend). Zu essen gab es Nudeln aus der Vakuumverpackung, wie man sie im ganzen Land so bekommt. Convenience ist ein sehr schmeichelndes Wort, aber Schlechtes muss nicht billig sein. Dafür waren die beiden Mädels, die den Laden schmissen, sehr aufgeregt, nett und zuvorkommend, wenn auch ein wenig überfordert. Aber immerhin gab es ordentlichen Hauswein vom Fass – wir ließen, weil wir ja nur nippen konnten in der Mittagspause, uns gleich mal eine Literflasche abzapfen und genossen die dann nach unserer Ankunft in Bosa…

Von Cala Ganone nach Oliena

Eine Frage der Generationen

Geschichten aus Sardinien (13)

Der Weg ist das Ziel. Also wählten wir für den ersten Quartierwechsel die Ost-West-Durchquerung der Insel mit Umwegen. Wie immer, wenn der Weg das Ziel ist, gestaltet sich das hin und wieder als eine Art Fahrt ins Blaue, wenn nicht sogar ins Blauäugige.

Der Anfang der Querung kann als bekannt vorausgesetzt werden – man kommt ja nur auf einem halbwegs schnellen Weg fort von Cala Gonone. Ein letztes Mal also fahren wir bergauf, dann durch das immer noch nicht attraktivere Dorgali, gönnen uns einen Blick – nein zwei: einen nach links, einen nach rechts – auf den Lago del Cedrino und biegen dann schwungvoll von der SP38 ab in Richtung Oliena. Der erste Zwischenstopp sollte die Quelle Su Gologone sein, deren Wasser man getrunken haben soll – weswegen wir eigens leere Flaschen mitgenommen hatten.

Su Gologone
Su Gologone

Auf dem Weg zur Quelle Su Gologone legten wir einen Spontanstopp an einem Olivenhain ein, wobei die Auswertung der Fotos später ergab, dass es da zwar schön, aber nicht berauschend war. An der Quelle selbst muss man das etwas differenzierter sehen! Das Gelände ist touristisch voll erschlossen – was eine nette Umschreibung für: Zäune drumherum, Kassenhaus und möglicherweise Tourirummel ist. Und nun die gute Nachricht: Es gab keine Touristen außer uns. Also zahlten wir gerne, nachdem die Kassiererin sich vom Espresso in der Bar nebenan getrennt hatte, unsere zwei Euro Eintritt und liefen die Wege, die an Wochenenden wohl Tausende abtippeln.

Nostra Signora della Pieta
Nostra Signora della Pieta

Schön ist es dennoch! Es gibt: eine kleine Kirche “Nostra Signora della Pieta”, die schlicht und doch ganz reizvoll einen Hügel dominiert. Es gibt weiterhin Wege zur Quelle und solche von ihr fort. Einige sind mit Nachrichten verziert, die sinnige Wege-Architekten aus Muschelschalen gestaltet haben (“Benvenuti a Su Gologone”) – was für eine Überraschung! Und dann ist da natürlich diese Quelle, deren klares Wasser aus dem Fels sprudelt und unten wunderbarer Weise traumhaft grün und klar einen See bildet. Schön schön. Da macht es auch nichts, dass die Leute sich hier, wie an so vielen anderen Orten mit Wasser auf dieser Erde, sich ihres Kleingelds entledigen und glauben, irgendetwas Gutes davon zu haben.

Unterhalb der Quelle staut sich das Wasser zu einem See, und nur etwas weiter ist ein Pumpenhaus zu bewundern. Wenn das geschlossen ist, pumpt die elektrische Pumpe von dort Wasser hoch zu einer Wasserentnahmestelle oben auf dem Parkplatz: Wasser aus Su Gologone! Nun stand aber das Pumpenhaus weit offen, zwei Männer arbeiteten drinnen – und uns schwante Übles. Genau: Weil unten die Pumpe nicht ging, gab’s oben kein Quellwasser. Na prima!

Wir also wasserlos nach Oliena. Die machen dort einen hervorragenden Rotwein, aber die Stadt ist befremdlich. Autos brettern wie verrückt durch die Straßen, Häuser verfallen, Bars oder gar Ristorantes gibt es nicht (oder es gibt sie, aber wir haben sie nicht gefunden). Wenig Fußgänger trauen sich auf die Straßen, laufen vorbei an so wunderbaren Etablissements wie der Luxusunterkunft Santa Maria, die mit einem Gitter vor Gästen gesichert ist, passieren Wände mit Wahl-Sudokus und erfreuen uns an hübsch gemalten Sprüchen, die vor knapp 200 Jahren verfasst wurden und vom Fremdenverkehrsverein vor einem Jahr zur Verschönerung der Stadt an allerlei Mauern aufgebracht wurden. Mangels ausreichender Sprachkenntnisse erschloss sich uns die Schönheit der Sprüche nicht vollends, was vielleicht sehr bedauerlich ist, eventuell aber auch eine Wohltat. Wer weiß?

Wahlvorbereitung
Wahlvorbereitung

Etwas oberhalb der Stadt gibt es einen unschuldig schönen Ausblick auf die Umgebung, die so aus der Ferne ganz nett ausschaut. Rote Dächer, Backsteine hier, geputzte Mauern dort. Hin und wieder Wassertanks auf den Dächern, und sogar die eine oder andere Solarzelle. Je weiter die Blicke schweifen, desto harmonischer wirkt Oliena. Doch dann sehe ich runter in den Garten direkt vor uns. Dort rosten zwei Autos still vor sich hin. Oliena bleibt sich treu…

Orosei und Galtelli

Frauenschwatz

Geschichten aus Sardinien (12)

Wir waren an der Küste des Golfes von Orosei unterwegs und wollten auch die Marina Orosei kennen lernen – zumal der Reiseführer auf der Stichstraße zum Strand ein Restaurant empfahl, das einen Mittagsbesuch wert erschien. Natürlich kamen wir wieder mal zu spät: mittags geöffnet bis 14.30 Uhr, und es war schon kurz vor drei. Aber es saßen noch Leute dort, und so fragten wir. Naturalmente könnten wir noch was essen und trinken – nur bitte keine Pizza mehr, der Ofen sei schon aus! Große Freude unsererseits, und der kleine Mittagsimbiss im La Veranda wurde auch vom Geschmack her ein Vergnügen: Insalata di Mare und ein großer Teller mit Muscheln in Weißweinsauce, dazu pane karasau und ein leicht perlender leichter lokaler Wein waren genau das, was wir haben wollten! (La Veranda, Via del Mare 83, Orosei).

Marina Orosei
Marina Orosei
Die Marina selbst haben wir nicht genossen – farblose Großanlagen mögen wir nicht. Auf dem Weg dahin fiel uns noch eine Plastik auf, die den hier in der Gegend vorkommendem Marmor huldigt. Die Abbaugebiete südlich von Orosei hattten wir ja schon auf der Hinfahrt nach Cala Gonone gesehen und waren not amused über den Raubbau an der Landschaft. Dieser Eindruck hat sich beim zweiten, diesmal gezielten Besuch nicht geändert.
Orosei
Orosei
Orosei ist eine beschauliche Kleinstadt mit vielen alten Kirchen, die alle in einem angeblich ausgeschilderten Rundgang besucht werden können. Wir verloren relativ schnell den Anschluss, waren aber nicht wirklich böse. Man kann nämlich auch einfach so durch die Gassen schlendern und bekommt dennoch fasst alles mit: Erstens gibt es genug alte Kirchen und zweitens nicht so viel Gassen. Beim planlosen Schlendern kann man sogar noch unverhofft auf eine Eisdiele treffen, die natürlich im historischen Kirchen-Corso nicht vorgesehen ist. Die Gelateria Smeralda macht leckeres Eis!
Beim Altstadtbummel fielen die Frauen in traditioneller Kleidung besonders auf. Schwarzer Rock, schwarze Bluse, blaue Schürze mit weißem Blümchenmuster oder die eher ins Graue gehende Variante mit zusätzlichem lila Kopftuch sind normal im sardischen Alltag – außer fotografierenden Touristen guckt sich keiner danach um. Und man sollte vielleicht erwähnen, dass eher die älteren Frauen sich so kleiden. (Über die Männer gibt’s an dieser Stelle nichts zu berichten: Die saßen, wie immer, auf Bänken im Schatten und palaverten vor sich hin.)
Galtelli
Galtelli

Noch mehr Kirchen auf noch weniger Raum gibt es übrigens ein paar Kilometer weiter im Landesinneren in Galtelli. Die zentrale Kirche begrüßt uns mit schönem Glockengeläut. Auch hier bewundere ich wieder die palaverfreundliche architektonische Feinheiten: Die Kirche wirft um diese Spätnachmittagszeit gerade ein, zwei Meter Schatten: Und genau da ist eine Bank angebracht, damit die beiden Männer sich nicht unter brütender Sonne unterhalten müssen. Im Innern von Sanitissimo Crocifisso ist es übrigens seit dem 14. Jahrhundert schon deutlich kühler, aber drinnen ist ja der Pfarrer und feiert mit drei Frauen in Tracht und mit schwarzem Kopftuch eine Abendvesper.Für die vielen Kirchen von Galtelli gibt es natürlich eine Erklärung: das Örtchen war bis ins 18. Jahrhundert Bischofssitz. Aber hier unten im Tal des Cedrino wütete, Bischofssitz hin, reichlich Kirchen her, die Malaria doch zu sehr – da zog es die Amts-Kirche ins höher gelegene und gesündere Nuoro. Die Malaria ist überwunden, der Bischof aber dennoch nicht zurück gekommen.

Bar in Galtelli
Bar in Galtelli
Wir bummelten durchs Städtchen und erheischten immer wieder einmal einen Blick über die Dächer auf den 806 Meter hohen Monte Tuttavista. Ein Abstecher noch in eine lokale Bar an der Hauptstraße, wo eine jungsche Bedienung mäßigen Landwein servierte, und dann hielt uns nichts mehr in Galtelli.
Lago del Cedrino
Lago del Cedrino

Der Lago del Cedrino auf der Heimfahrt und eine gar liebliche Landschaft auf dem Weg dahin sollten vielleicht noch Erwähnung finden! Also lobpreise ich die Hügel, die Pinien, die Olivenhaine – und alles das in feinem abendlichen Licht, das der Optik ja sowieso schmeichelt. Dass es dann noch so nette Kleinigkeiten wie eine Schafherde (ausnahmesweise nicht auf, sondern neben der Straße) mit niedlichem Nachwuchs und dem einen sprichwörtlich schwarzen Schaf gab, ging ebenfalls in die Plusliste des ereignisreichen Tages ein.